Interplanetarer Perspektivwechsel
Vergangene Woche starb Ray Bradbury, der als Wegbereiter für Science-Fiction-Geschichten in den Mainstream gilt. Ein spätes Kennenlernen.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Da musste Ray Bradbury leider erst sterben, bevor ich endlich entschlossen genug war, mit dem Lesen seiner Bücher anzufangen. Als ich meinen Plan bekannt gab, versorgten mich die Kollegen umgehend mit Lesestoff, genauer gesagt mit der Graphic-Novel-Variante von „Fahrenheit 451“ und die Kurzgeschichten der Mars-Chroniken. Die Nachrufe auf Bradbury waren voll des Lobes, er habe unzählige Science-Fiction-Fans begeistert und inspiriert, war bis zuletzt hoch beliebt, und ist seit Jahrzehnten Schullektüre im Englischunterricht. Ich war also ziemlich gespannt.
Jetzt, nach Fahrenheit 451 und der Hälfte der Mars-Chroniken, weiß ich noch nicht so recht, ob ich ein eingefleischter Fan werde. Es sind nicht die Sorten Kurzgeschichten, die ich erneut lesen würde. Fans mögen mir verzeihen, aber die viel gerühmte Bücherverbrennungs-Utopie ist – wie viele Utopien – ziemlich deprimierend, die Mars-Chroniken wiederum teilweise zu flapsig.
Einerseits. Andererseits: Ich habe mich dabei ertappt, dass Bradburys Kurzgeschichten trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das passiert bei mir meist dann, wenn die Stories ein stark überraschendes Element haben. Egal ob dieses lustig oder gruselig, originell oder gegen den Strich gebürstet ist. Hauptsache so ungewöhnlich, so ein schräges „Was-wäre-wenn“, dass es mich irgendwie packt.
In Fahrenheit 451 ist das zum Beispiel der metallene Roboter-Hund, dem das chemische Geruchsprofil der Feuerwehrleute einprogrammiert wurde. So lassen sich diese, falls sie ihre Arbeit eines Tages hinterfragen oder gar untertauchen sollten, jagen und zur Strecke bringen. Gruselig? Und wie. Der Gedanke, diesem Monster ausgeliefert zu sein, hat mich viel tiefer gepackt als eine Zukunft gänzlich ohne Bücher.
In den skurrilen Mars-Chroniken wiederum scheitern mehrere Missionen zum Roten Planeten, weil dessen Bewohner die enthusiastisch anklopfenden Astronauten entweder ganz profan aus Eifersucht umbringen oder sie für delirierende Verrückte halten und in die Klapsmühle stecken. So gesehen scheint die marsianische Gesellschaft gar nicht so sehr viel anders zu sein als viele auf der Erde. Die größte Sorge der marsianischen Hausfrau, auf deren Türschwelle der Raumschiff-Kapitän als erstes steht, ist, dass er mit seinen Stiefeln Dreck ins frisch geputzte Haus bringt.
Lustig ist bei dieser Szene zudem, dass marsianische Hausfrauen mit einer Art magnetischem Staub putzen: Sie werfen ihn an die Wand, wo er an den gemeinen Hausstaub bindet und dann einfach bei einem ordentlichen Lüften aus dem Haus geweht wird. Diese Art von Skurrilität kenne ich Bradbury-Banause bisher nur von der britischen Spaßtruppe Monty Python.
Das Philosophieren über Ray Bradburys Bücher habe ich dann auch schnell gelassen. Ich könnte jetzt schreiben, dass keines der beiden Bücher ein besonders gutes Licht auf die Menschheit wirft und dass der Meister nicht viel Hoffnung für sie zu haben schien. Fahrenheit 451 endet nicht mit einem Umsturz, die Besuche auf dem Mars nicht mit friedlicher Koexistenz. Stattdessen halten uns die Marsianer einen Spiegel vor, wie wir wohl mit Erstkontakt-Delegationen umgehen würden.
Doch das wäre ganz und gar nicht im Sinne des Erfinders. Bradbury hat einmal sinngemäß gesagt, er möchte nicht, dass irgendjemand später seine Geschichten interpretieren muss. Keiner soll rätseln müssen oder sich zum Experten darüber aufschwingen, was der Autor wohl sagen wollte. Ihm mache das Schreiben schlicht Spaß, das Ausdenken von skurrilen Szenen offenbar auch – er wollte seine Leser unterhalten. Das ist ihm vor allem mit dem Blick auf die Menschen durch die Augen der Marsianer definitiv gelungen.
Danke für den Perspektivwechsel, Mr. Bradbury! Hoffentlich sitzen Sie irgendwo in einer intergalaktischen Bibliothek, wo es auch Literatur aus anderen Welten gibt und tun das, was Sie schon immer am liebsten getan haben – in einer Bücherei sitzen und lesen. (vsz)