Historisches Gespräch: "Chemie stinkt und knallt eben manchmal"

Spektralanalyse, ein ruĂźfreier Laborbrenner und ein Gegenmittel fĂĽr Arsenvergiftungen: All das verdanken wir dem vielseitig begabten Chemiker Robert Wilhelm Bunsen.

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  • Veronika Szentpetery-Kessler

Spektralanalyse, ein ruĂźfreier Laborbrenner und ein Gegenmittel fĂĽr Arsenvergiftungen: All das verdanken wir dem vielseitig begabten Chemiker Robert Wilhelm Bunsen.

Robert Wilhelm Bunsen wurde am 30. März 1811 als jüngster von vier Söhnen des Literaturprofessors Christian Bunsen geboren. 1831 schließt Bunsen sein Studium in Naturwissenschaften an der Universität Göttingen mit der Promotion ab, drei Jahre später habilitiert er sich in Göttingen und bestätigt in Tierversuchen die Eignung von Eisenoxid gegen Arsenvergiftungen. 1838 entdeckt der Chemiker, dass bei Eisen- und Kupferverhüttung ein Großteil der Heizenergie ungenutzt verpufft, und optimiert die Prozesse. Im Jahr darauf entwickelt Bunsen eine Zink-Kohle-Batterie als handliche Stromquelle für Labore. 1855 entsteht der rußfreie Bunsenbrenner mit verstellbarer Helligkeit. 1859 etabliert Bunsen mit Gustav Kirchhoff die Spektralanalyse. Beide entdeckten damit 1861 die Elemente Cäsium und Rubidium. Am 16. August 1899 stirbt Bunsen mit 88 Jahren in Heidelberg.

Technology Review: Guten Tag Herr Professor Bunsen. Sagen Sie bitte, was riecht hier so streng?

Robert Wilhelm Bunsen: Was heiĂźt denn streng, beleidigen Sie nicht meine gute Havanna-Zigarre.

TR: Rauchen Sie etwa im Labor?

Bunsen: Nein. Aber ich gebe zu, ich habe im Dienste der Wissenschaft etwas Tabak verbrannt. Stellen Sie sich vor, meine Zigarre enthält winzige Mengen Lithium, aber trotzdem mehr als andere Zigarren. Ich wette, ich könnte mit solchen Untersuchungen jede Zigarre anhand ihrer Spektrallinien identifizieren. Das wäre doch eine treffliche Wette!

TR: Nun ja, es wäre auf jeden Fall eine Möglichkeit, Ihre Herkunft zu verifizieren, als eine Art chemisches Gütesiegel.

Bunsen: In der Tat, was fĂĽr eine groĂźartige Idee.

TR: Können Sie kurz erklären, wie Ihre Apparatur funktioniert, mit der Sie die Spektrallinien untersuchen?

Bunsen: Sehr gern. Fragen Sie lieber zu viel als zu wenig, das sage ich auch meinen Studenten immer. Also, das Spektroskop in diesem Holzkasten besteht aus einem Prisma, zwei Linsen und einem Okular. Damit betrachten Sie das vom Prisma erzeugte Lichtspektrum dieser Gasflamme, in der Sie eine Salzprobe des gesuchten Elements verbrennen. Jedes Element zeigt charakteristische farbige Spektrallinien bei bestimmten Wellenlängen.

TR: Woran forschen Sie denn gerade damit?

Bunsen: Es sieht ganz so aus, als könnten wir den bekannten Elementen zwei neue hinzufügen – ich will sie Cäsium und Rubidium nennen. Es werden noch mehr Elemente hinzukommen, die Spektralanalyse wird die analytische Chemie weit voranbringen.

Das ist wirklich großartig. Andere begnügen sich damit, Theorien zu entwickeln, aber ich war schon immer der Praktiker. Und das Beste ist, ich muss mich dabei nicht auf die Erde beschränken.

TR: Sie wollen das Weltall untersuchen? Wie soll das gehen, wenn Sie keine Probe haben?

Bunsen: Das ist ja das Spannende, es geht auch ohne. Mein junger Kollege Gustav Kirchhoff hat herausgefunden, dass die Atmosphäre der Sonne große Mengen gasförmiges Natrium enthalten muss. Von ihm stammt übrigens die Idee, die Flamme nicht mit bloßem Auge zu betrachten, sondern ihr Licht durch das Prisma zu zerlegen.

TR: Ich habe gehört, wenn Sie sich in ein spannendes Gebiet vertieft haben, dann ist es Ihnen egal, ob es stinkt.

Bunsen: Sie spielen auf meine Forschung mit den arsenhaltigen Verbindungen an. Das hat tatsächlich zum Gotterbarmen gestunken. Aber es hatte zuweilen auch seine Vorteile.

TR: Welche denn?

Bunsen: Nun ja, als ich noch an der Gewerbeschule in Kassel geforscht habe, wollte mir das Ministerium erst kein Ventilationssystem für mein Labor genehmigen. Als dann der zuständige Minister zu Besuch kam, habe ich zufällig an einer dieser infernalisch riechenden Verbindungen gearbeitet. Am nächsten Tag kam der Baumeister, und alles wurde nach meinen Wünschen eingebaut.

TR: Sie haben auch ein Mittel gegen Arsenvergiftungen entwickelt, wie ist Ihnen das gelungen?

Bunsen: Ja, Eisenhydroxid. Ich dachte, wenn sich damit Arsen aus bestimmten Lösungen ausfällen lässt, müsste es sich auch als Gegengift eignen. Ich habe dann mit meinem Kollegen Dr. Berthold in Tierversuchen gezeigt, dass dem so ist.

TR: Darf ich fragen, wie es zu Ihrer Augenverletzung gekommen ist?

Bunsen: Das war ein Laborunfall. Ich habe versucht, Arsen zu oxidieren, was zu einer heftigen Explosion führte. Aber ich habe mein Augenlicht nicht gänzlich verloren. Chemie stinkt und knallt eben manchmal.

TR: Es kann Sie auch umbringen. Ich hörte, Sie hätten sich mit Arsendämpfen fast vergiftet.

Bunsen: Sie meinen das Kakodylcyanid. Nun ja, ich habe da in der Tat ein plötzliches Einschlafen meiner Hände und Füße beobachtet, dazu kamen Schwindel und Betäubung, was sich zur Bewusstlosigkeit steigern kann, wenn man sich den Dämpfen nicht rechtzeitig entzieht.

TR: Das war nicht das erste Mal, dass Ihr Forscherdrang Ihnen beinahe zum Verhängnis wurde. Als Sie in England Eisen-Hochöfen untersucht haben...

Bunsen: Da bin ich nur kurz ohnmächtig geworden. Ich gebe zu, Professor Playfair, auf dessen Einladung ich dort zu Gast war, musste mir etwas Luft zufächeln.

TR: Er hat Sie vor einer Ă–ffnung weggezogen, aus der zyankalihaltiger Dampf austrat.

Bunsen: Ja, wir haben zusammen die Gase untersucht, die bei der Verhüttung entstehen. Wir fanden heraus, dass durch das Verbrennen von Steinkohle – statt wie in Deutschland üblich Holzkohle – ganz andere Reaktionen ablaufen und die Zusammensetzung der Gase sich ändert.

TR: Welche praktische Bedeutung hatte das?

Bunsen: Die englischen Hochöfen sind noch uneffektiver als unsere. Mehr als 80 Prozent der eingesetzten Kohle wird umsonst verbrannt. Aber die Engländer haben erst nur höflich gelächelt, als ich Vorschläge gemacht habe. Es hat sechs Jahre gedauert, bis sich etwas änderte.

TR: Ihre bekannteste Erfindung steht heute in jedem Labor: der Bunsenbrenner. Wie kamen Sie darauf?

Bunsen: Wirklich ĂĽberall? Donnerwetter! Auch das war allerdings nicht allein mein Verdienst. Ich habe nur Professor Faradays Gasbrenner weiterentwickelt. (vsz)