Geht´s nicht eine Nummer kleiner?
Rio+20 ist die Jubiläumsveranstaltung 20 Jahre nach der großen Nachhaltigkeits-Konferenz in Rio de Janeiro. Doch die Luft ist raus, weil die Beteiligten zu vieles auf einmal wollen.
- Robert Thielicke
Rio+20 ist die Jubiläumsveranstaltung 20 Jahre nach der großen Nachhaltigkeits-Konferenz in Rio de Janeiro. Dort fiel der Startschuss für die Globalisierung der Umweltbewegung, in ihrer Folge entstand das Kyoto-Protokoll zum Schutz vor der Erderwärmung. Nun aber ist die Luft raus. Achim Steiner, Direktor des UN-Umweltprogramms UNEP, etwa beklagt die „fehlende Energie“ und „leere Hülle“, die der aktuelle Weltgipfel sei.
Wo ist die Luft hin? Eine naheliegende und in Teilen auch richtige Erklärung ist: in die Eurokrise. Das dort drohende Unheil überlagert selbst die gravierendsten Probleme des Umweltschutzes. Genauso richtig aber ist: Die Luft ist verpufft. Die Nachhaltigkeitsdebatte droht an ihrer eigenen Überdehnung zu Grunde zu gehen.
Gegen Klimaerwärmung, Abholzung und Intensivlandwirtschaft zu kämpfen war vielen Aktivisten nie genug. Es musst darüber hinaus noch gegen Armut, Hunger und Ungerechtigkeit gehen. Umweltschutz musste die Armut besiegen und Arbeitsplätze schaffen und den Welthandel gerechter machen und die Welt friedlicher. Nachhaltigkeit war von Anfang an mehr als das bloße Versprechen, auch morgen noch diesen Planeten bewohnen zu können: Sie ist das Paradies der Moderne.
Das ist ohne Frage ehrenwert, aber leider nicht zielführend. Wer alles auf einmal anpackt, schafft am Ende nichts. „Was machen wir, wenn der Klimaschutz keine neuen Arbeitsplätze schafft?“, fragte mich einmal der Umweltökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung. „Lassen wir ihn dann sein?“.
Nun wird es konkret und die Träume enden für so manchen in ziemlicher Ernüchterung. Spätestens seit Deutschland die Energiewende ausgerufen hat, merken selbst glühende Befürworter: Ein paar Windräder machen noch keine neue Gesellschaft. Dezentrale Energieerzeugung macht das Land nicht sozialer. Das grüne Wirtschaftswunder läuft am Ende auf den Erhalt bestehender Arbeitsplätze hinaus. Das ist nicht zu unterschätzen, aber viele hatten sich weit mehr erhofft.
Und nun? Lassen wir die Energiewende sein? Vielleicht wäre es stattdessen besser, Klimaschutz und Armutsbekämpfung endlich wieder als das zu behandeln, was sie sind: zwei getrennte Aufgaben mit zwei verschiedenen Lösungen. Für das eine sind Obergrenzen für den Kohlendioxid-Ausstoß nötig, für das andere Untergrenzen beim Lohn. Dann werden die Ziele wieder klarer und die Enttäuschungen geringer. Wenn sich dann Überschneidungen ergeben - umso besser. (rot)