Das asoziale Netz

Im Internet sind nicht nur zuvor unbekannte Möglichkeiten des Austauschs und der Verständigung entstanden, sondern auch neue Formen sozialen Versagens.

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Von
  • Peter Glaser

Im Internet sind nicht nur zuvor unbekannte Möglichkeiten des Austauschs und der Verständigung entstanden, sondern auch neue Formen sozialen Versagens.

Das Netz sollte nicht einfach nur eine neue Welt werden, sondern eine bessere Welt und die Menschen darin bessere Menschen. So war das zumindest einmal angedacht. Eine Welt jenseits von Vorurteilen, getragen von Toleranz, Hilfsbereitschaft und maßvollem Umgang zwischen Leuten aus allen Ländern der Erde. Ein globales Dorf, unabhängig, unzensiert, offen für jedermann und kostenlos zur Verfügung gestellt von Vater Staat. Auf dem Weg dahin gibt es aber die eine oder andere Schwierigkeit. Denn der Mensch, das wusste bereits Kurt Tucholsky, "hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören". Krach in lautloser Form zu machen, könnte man für einen zivilisatorischen Fortschritt halten. Im Internet etwa finden Kräche fast immer in der stillen Schriftform statt. Aber ein Fortschritt ist das nicht.

Was manchmal übersehen wird, ist die Tatsache, dass das Netz nicht nur zuvor unbekannte Potenziale des Austauschs und der Verständigung geschaffen hat, sondern auch neue Formen sozialen Versagens. Probleme, die in der netztypischen Schriftform ausgebreitet werden, tendieren dazu, immer problematischer zu werden und sich emotional zuzuspitzen oder unendlich zu werden in Gestalt digitaler Heiliger Kriege, Edit Wars in der Wikipedia, etc. pp. – bis man schließlich vielleicht doch zum Telefon greift oder sich, sofern möglich, in der realen Welt trifft, um der herbeigeschriebenen künstlichen Aufregung wieder Herr zu werden.

In der Newsgroup rec.skiing.alpine fährt man eigentlich auf Wintersportspezifisches ab. Unstimmigkeiten über Skipässe aber arteten 2003 innerhalb weniger Monate in einen Flame War aus, der mit Morddrohungen und mit dem ersten digitalen Platzverbot in der Geschichte des Netzes endete. Die Streithähne bombardierten sich mit Hunderten von Nachrichten. Schließlich sah sich sogar die Polizei in Seattle zum Eingreifen veranlasst und versuchte zu moderieren, um die amoklaufende Debatte wieder ins Skifahrerische hinein zu beruhigen. Ergebnis: 74 weitere Flames. "Keiner, weder von der Polizei noch sonst jemand, wird mir erzählen, wann und was ich posten oder was ich sagen darf", so ein Teilnehmer. "Der Detective soll sich sein Posting in den..."

Die Beamten kamen zu der Ansicht, der Flame War könne zu Gewalttätigkeiten in der wirklichen Welt führen. Dann zog einer der Kontrahenten vor Gericht, verklagte seinen Hauptwidersacher – und gewann. Die Richterin entschied, dass der Angeklagte sich dem Kläger fürs erste nicht weiter als bis auf 500 Meter nähern und ein Jahr lang nicht mehr in rec.skiing.alpine äußern dürfe. Der virtuell Verbannte sah sich nicht als alleiniger Verlierer. Alle hätten verloren, "die nicht wollen, dass jemand versucht, uns vor uns selbst zu schützen". Jeder, der kein Politbüro haben und die Wahrheit sagen wolle. Und die sei eben, "dass ihr, wo auch immer in den Bergen ihr seid, von jemandem mit 'Zoom'-Ski immer nur den Arsch sehen werdet".

In Entsprechung zu Youngs Gesetz der Telekinese ("Alle unbeseelten Gegenstände können sich gerade so weit bewegen, dass sie einem im Weg sind") finden sich Kommunikationsnervtöter stets soweit im Netz zurecht, dass sie es schaffen, interessante Bereiche mit ihrem destruktiven Gelaber zu beeinträchtigen. "Zweifellos vergessen manche Leute die goldenen Regeln des guten Tons nirgendwo so sehr wie beim Telefonieren", vermerkt Joachim Haller 1961 in seinem legendären Benimmbuch "Der Gute Ton im Umgang mit Menschen" – "ob das daher kommt, dass sie ihren Gesprächspartner nicht sehen?".

Auch online funktioniert die kulturelle Selbstregulierung nicht mehr wie im Real Life über die volle Bandbreite von Mimik, Gestik und Tonfall mit ihren zahllosen abgestuften Möglichkeiten der Konfliktsteuerung. Plötzlich verspürt mancher eine destruktive Neigung und wird nicht einfach nur radikal, sondern rigide. Notorische Nervensägen können mit aufreibenden Faselfeldzügen ganze Online-Communities lahmlegen. Andere werden stillos arrogant oder besserwisserisch (die auf stets dudenkorrekte Schreibung bestehende Untergruppe etwa hat inzwischen den Beinamen "Grammatik-Nazis").

Für ganz harte Fälle gibt es Filter, Nachrichten von bestimmten Personen lassen sich damit bereits vor dem Lesen blocken. Die Vor- und Nachteile des Filterns werden schon lange debattiert. Manche befürchten, die Stummschaltung würde den offenen Meinungsaustausch beeinträchtigen. Ein Instrument, mit dem man Ärger einfach ausweichen kann, könne die Bereitschaft zur kritischen Auseinandersetzung schwinden lassen. "Ich bin generell skeptisch, was technische Lösungen für soziale Probleme angeht", sagt der kalifornische Autor Howard Rheingold, "aber es gibt Programme, die das Online-Leben angenehmer machen. Tools sometimes work better than rules". Chaos Computer Club-Gründer Wau Holland nannte diese Art Software "Plonk" – nach dem Geräusch, das ein Troll-Beitrag hervorruft, wenn es auf den Boden des virtuellen Abfallbehälters trifft. (bsc)