Microsoft-Surface: Wenn man nicht alles selber macht…

Ist die Vorstellung des Tablet-PCs "Surface" für die Microsoft-Partner eine gute oder eine schlechte Nachricht? Kommt ganz drauf an, meint heise-resale-Kolumnist Damian Sicking. Nämlich darauf, was Microsoft daraus macht.

vorlesen Druckansicht 1 Kommentar lesen
Lesezeit: 5 Min.
Von
  • Damian Sicking

Microsoft-Chef Steve Ballmer

(Bild: Heise)

Lieber Microsoft-Chef Steve Ballmer,

man kennt die Szene aus vielen Unternehmen: Der Chef ist mal wieder fassungslos und stinksauer wegen der Unfähigkeit seiner Mitarbeiter und brüllt mit hochrotem Kopf: "Bin ich denn nur von Idioten umgeben?! Muss ich denn alles selber machen?!“ Vielleicht ist Ihnen in der Hitze des Gefechts ja auch schon mal so ein Satz herausgerutscht, lieber Herr Ballmer.

Ja, so ist das: Wenn der Chef nicht alles selber macht, dann wird das nichts! Die Mitarbeiter sind entweder zu doof, zu faul und insgesamt einfach unfähig und unwillig. Dieses Phänomen ist bekannt. Was noch gar nicht so bekannt ist, ist, dass dies nicht nur innerhalb von Firmen so ist, sondern auch im Verhältnis zwischen den Unternehmen. Das läßt sich aktuell sehr schön am Beispiel des in der vergangenen Woche von Microsoft vorgestellten hauseigenen Tablet-PCs "Surface“ ablesen. Offensichtlich sind Sie der Ansicht, dass Ihre Hardware-Partner aus der Industrie – von A wie Acer bis S wie Sony – zu dumm, zu faul, zu unfähig oder zu unwillig sind, einen attraktiven und konkurrenzfähigen (Apple!) Tablet-Computer zu entwickeln. Aus diesem Grunde musste Microsoft jetzt selber einen bauen, um den anderen zu zeigen, wie das geht.

Doch damit nicht genug: Nach dem Motto "Wenn schon – denn schon“ haben Sie sich entschieden, nicht nur Ihre Partner aus der Industrie, sondern auch die aus dem Handel vor den Kopf zu stoßen. Sie, lieber Herr Ballmer, meinen anscheinend, dass auch die Händler und Microsoft-Vertriebspartner da draußen zu dumm, zu faul, zu unfähig oder zu unwillig sind, den Microsoft-Tablet-PC zu verkaufen. Deshalb haben Sie sich entschieden, auch den Vertrieb selbst zu übernehmen. Wie gesagt: Wenn man nicht alles selber macht…

Steve Ballmer präsentiert Microsofts neuen Tablet «Surface».

(Bild: dpa, Microsoft)

Lieber Herr Ballmer, es ist ja schon viel zu zum Thema "Surface“ geschrieben worden, so dass ich mich hier kurz fassen kann. Zunächst einmal finde ich es prima, dass Sie den Surface entwickelt und vorgestellt haben. Denn so kommt Bewegung in den Markt. Es gibt ja tatsächlich auch Menschen auf diesem Planeten, für die nicht unbedingt ein Traum in Erfüllung geht, wenn sie ein Apple-Produkt besitzen. Es gibt Menschen, die sich in der sogenannten "Wintel“-Welt einfach wohler fühlen.

Aber es stellen sich Fragen, wie etwa die, ob Microsoft mit dem Einstieg ins Computerhardware-Geschäft seine Industriepartner nicht gegen sich aufbringt. In diesem Zusammenhang hat mein Heise-Kollege Jörg Wirtgen in seinem Kommentar zum Thema die Frage diskutiert, ob Microsoft mit dem Surface vielleicht vor allem dem neuen Betriebssystem Windows 8 "Starthilfe“ geben wolle. Ein interessanter Aspekt. Zwar bin auch ich wie Wirtgen der Meinung, das Windows 8 kaum Starhilfe benötigen wird, Tablet-PCs auf Windows-Basis hingegen schon. Und der Gedanke, dass es sich bei dem Surface in erster Linie um ein Windows-Tablet-Referenzprodukt handelt – sozusagen die materialisierte Idee des Tablett-PCs auf Windowas-Basis- –, ist mir durchaus sehr sympathisch. Vielleicht, lieber Herr Ballmer, denken Sie ja mal darüber nach, den Surface Ihren Hardware-Partner als OEM-Produkt zur Verfügung zu stellen. Diese könnten dann ihre eigenen Logos darauf kleben und über ihre eigenen Vertriebswege an den Mann bringen. Wäre das nicht ein klasse Idee? Auf diese Weise wäre auch eine schnelle Verbreitung der Geräte sichergestellt.

Denn die schnelle Verbreitung wollen Sie doch sicher, oder etwa nicht? Man kann darüber tatsächlich ins Grübeln geraten, wenn man die bisher veröffentlichten Aussagen zur Vertriebsstrategie ernst nimmt. Denn denen zufolge wollen Sie den Surface lediglich in Microsoft-eigenen Stores – gibt es in Deutschland schon mal nicht (vom Microsoft-Internetshop abgesehen) – und ausgewählten Online-Shops vermarkten. Nun hat eine solche Strategie zwar gewisse Vorteile, vor allem den der besseren Kontrolle des Verkaufspreises. Aber eben auch einen ganz wesentlichen Nachteil: Nämlich den, dass man auf diese Weise das Absatzpotenzial nicht annähernd ausschöpfen kann. Oder hat der Begriff der "Ubiquität" – also der flächendeckende Vertrieb – bei der Vermarktung von Tablet-PCs keine Bedeutung mehr? Auch dieses Thema hätten Sie mit einer Nutzung der Vertriebskanäle Ihrer "Surface-OEM-Partner“ gelöst.

Lieber Herr Ballmer, mit dem Surface haben Sie einen Stein ins Wasser geworfen, der noch sehr weite Kreise ziehen und hohe Wellen erzeugen kann. Ich glaube, dass das reine Produkt, so wie wir es jetzt gesehen haben, erst der Anfang ist und dass in den kommenden Wochen und Monaten noch sehr viel nachkommen wird, vor allem was die Zusammenarbeit mit Partnern und die Vermarktungsstrategie betrifft. Ich freue mich darauf.

Beste GrĂĽĂźe!

Damian Sicking

Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale ()