Die Reise der Gene

Kein Volk ist eine Insel, zumindest nicht genetisch gesehen. Die DNA verrät aber nicht nur spannende Verwandtschaftsverhältnisse, sondern auch mehr über die Menschheitsgeschichte.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 2 Min.
Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Die menschliche DNA ist immer für eine Überraschung gut. Vor kurzem hat etwa das Erbgut von Tausenden Iren und Schotten interessante Neuigkeiten zutage gefördert. Beide Völker sind stolz auf ihre Kelten- und Wikinger-Wurzeln, müssen nun aber im Lichte neuer, präziserer Untersuchungsmethoden das genetische Familienalbum um ein paar heißblütigere Vorfahren erweitern.

So stammt offenbar, wie die Hannoversche Zeitung gestern schrieb, rund ein Prozent aller Schotten von afrikanischen Wüstenvölkern wie den Berbern und den Tuareg ab. Bei den Iren liege dieser Anteil noch höher. Die afrikanischen Gene kamen den Forschern von der University of Edinburgh und vom Dubliner „Royal College of Surgeons“ zufolge wahrscheinlich über die Mauren auf die iberische Halbinsel; anschließend gelangten sie über Frankreich auf die westeuropäischen Inseln.

Es macht Spaß dabei zuzusehen, wie Wissenschaftler aus der DNA nicht nur die Ursachen für Krankheiten und körperliche Eigenheiten wie Augen- oder Haarfarbe ablesen können. Sie unternehmen auch jede Menge genetische Expeditionen in die Vergangenheit, und damit meine ich nicht die Ermittlung unseres Verwandtschaftsgrades mit anderen Primaten.

Das „Genographic Project“ der National Geographic Society und IBM etwa zeichnet etwa seit einigen Jahren mit Hilfe von DNA-Proben historische Wanderungen verschiedener Völker nach – und spürt dabei auch auf, wann eine Gruppe mal wieder anders abgebogen ist. Dafür suchen die Forscher im Erbgut von Freiwilligen nach charakteristischen Mutationen und vergleichen diese mit historischen DNA-Funden. Das erste Auftreten der Mutationen in der Vergangenheit signalisiert sozusagen die Abzweigungen.

Inzwischen lässt sich sogar die Neugier auf die ganz persönliche Migrationsgeschichte befriedigen: Eine ganze Reihe von Genealogie-Dienstleistern verspricht gegen einen meist niedrigen dreistelligen Betrag Details zur Wanderroute –eine Speichelprobe reicht. Das ist doch mal eine andere Art, in die Ferne zu schweifen und doch so nah zu bleiben. Weil aber deren Methoden und Ergebnisse wissenschaftlich nicht immer unumstritten sind, betrachte ich einstweilen weiter die große Karte vom „Genographic Project“ und sinniere darüber, was die Gene in unseren Zellen noch so alles verraten werden. (vsz)