Lack gegen Langfinger

Metalldiebe bringen immer wieder den Bahnverkehr zum Erliegen. Eine unsichtbare Farbe soll Abhilfe schaffen.

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Von
  • Susanne Donner
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Metalldiebe bringen immer wieder den Bahnverkehr zum Erliegen. Eine unsichtbare Farbe soll Abhilfe schaffen.

Die Fahrgäste der Deutschen Bahn dürften heftig geflucht haben. Drei Stunden lang war im Juli 2011 die ICE-Strecke zwischen Bremen und Hannover gesperrt. Einige Passagiere mussten in Busse umsteigen. Andere wurden in ICs verfrachtet und von Dieselloks ans Ziel gezogen. Die Ursache: Diebe hatten sich an Erdungskabeln bedient, um das darin enthaltene Metall – vornehmlich Stahl und Kupfer sowie andere Buntmetalle – zu verhökern.

Auch auf Schienen und sogar auf Oberleitungen haben es Metalldiebe abgesehen – ungeachtet der lebensbedrohlichen Hochspannung beim Abmontieren. Anfang März beklagte die Deutsche Bahn 3000 Buntmetalldiebstähle im Jahr 2011 – 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Schwerer als der Materialwert wiegt mit zehn Millionen Euro indes der funktionelle Schaden: Lücken im Schienennetz warfen 2010 den Fahrplan von 8000 Zügen durcheinander. Besonders stark grassiert diese Art der Kriminalität im Osten Deutschlands. Die Deutsche Bahn erklärt sich das mit der "Nähe zu Osteuropa". Andere sehen die Ursache in der sozialen Benachteiligung der ehemaligen DDR-Gebiete. Motiv für die Täter sind die happigen Preise für Metalle, die seit 2009 um mehr als das Dreifache gestiegen sind.

Nicht nur die Deutsche Bahn leidet zunehmend unter Materialklau. Auch Bauherren und metallverarbeitende Firmen beklagen immer häufiger, dass Metallgerüste, Bauteile und Kabel verschwinden. Das Bochumer Fernsehpolizistenduo Toto und Harry aus der gleichnamigen Doku-Soap bei Sat.1 ertappt vor laufender Kamera regelmäßig Diebe, die sich an Gullydeckeln, Dachrinnen und sogar an Friedhofsurnen zu schaffen machen.

Die Deutsche Bahn will nun nicht länger tatenlos zusehen, wie ihr Netz geplündert wird. Im vergangenen Jahr tauschte sie sich auf einem eigens einberufenen Buntmetallgipfel mit Experten aus ganz Europa aus. Anschließend kündigte sie ein Maßnahmenbündel an: Kern der neuen Kriminalitätsbekämpfung ist eine sogenannte "künstliche DNA". Dabei handelt es sich um eine Metallmarkierung, die es erleichtert, Langfinger oder Hehler zu überführen. Was nach einem Einfall der "Drei Fragezeichen" klingt, hat sich in den Niederlanden und in Großbritannien tatsächlich schon bewährt. Vor anderthalb Jahren begann die niederländische Bahn, zwei Streckenabschnitte mit künstlicher DNA zu markieren. Schilder warnen, dass sich Klauen aufgrund des DNA-Schutzes nicht lohnt. Einige 100000 Euro investiert der Verkehrsbetrieb in diese Form der Kriminalitätsprävention. In Kürze soll eine breite Öffentlichkeitskampagne folgen. Und: "Die Markierung wird auf andere Teile des Schienennetzes ausgedehnt werden", hofft Donald van der Laan, Geschäftsführer der Firma SelectaDNA. Sein Betrieb stellt die künst-liche DNA her.

Die "künstliche DNA" enthält in diesem Fall allerdings gar kein wirkliches genetisches Material. Vielmehr handelt es sich um einen unsichtbaren Lack, der im ultravioletten Licht gelbgrün leuchtet. Ausgerüstet mit Speziallampen, können Polizisten und Bahnbeamte derart gekennzeichnetes Diebesgut sofort erkennen. In dem Lack befinden sich zudem etwa 400 Mikrometer kleine Plättchen aus Nickel, in die eine Ziffer eingraviert ist, die nur unter einem Mikroskop ausgelesen werden kann. Jeder Gleisabschnitt sei mit einem anderen Code gesichert, so van der Laan. In einer Datenbank ist hinterlegt, welcher Code zu welchem Abschnitt des Streckennetzes gehört. Sichergestellte Metallteile können so einzelnen Tatorten zugeordnet werden.

Der Lack soll jedoch vor allem abschrecken: "Wenn Material entwendet wird, ist der Schaden um ein Vielfaches höher als der Wert der geklauten Ware. Deshalb ist die Markierung nur erfolgreich, wenn sie die Diebstahlsraten senkt", stellt van der Laan klar. Bisher wurden seines Wissens keine Metalle auf den geschützten Streckenabschnitten gestohlen. Potenzielle Täter fürchten vor allem eines: Wer mit markierten Bauteilen ertappt wird, macht sich strafbar, weil er im Besitz von Hehlerware ist, gleichgültig, ob er sie selbst gestohlen hat oder nicht. Wenn dagegen unmarkierte Kabel und Gleise bei einer Person gefunden werden, liegt die Beweislast bei der Polizei oder beim Geschädigten: Sie müssen belegen, dass der Verdächtige die Metalle gestohlen hat. Viele Anschuldigungen lassen sich in solchen Fällen mangels Beweisen nicht aufrechterhalten.

"Vor allem Kleinkriminelle schreckt die künstliche DNA ab", berichtet van der Laan. Und organisierte Banden – können die den Lack nicht abschleifen? "Mit Geduld und Zeit können Sie alles entfernen", gibt van der Laan zu. "Aber auch Diebstahl ist eine ökonomische Aktivität. Wenn Sie die Tinte mühsam ablösen müssen, lohnt sich das einfach nicht mehr. Und: Spuren des Lacks bleiben immer an der Kleidung und an den Werkzeugen haften." Zwar ließe sich das Metall in Hochöfen einschmelzen, um die Markierung zu entfernen. Diese werden aber nur an wenigen Standorten betrieben – und SelectaDNA hat etliche Betreiber solcher Anlagen über die Markierung in Kenntnis gesetzt, sodass sie Hehlerware erkennen und den Lieferanten anzeigen können.