Expeditionen ins Mikrobenreich
Um unbekannte Ökosysteme zu erforschen, müssen Forscher nicht immer in entlegene Ecken der Welt reisen. Ein Mikrobiologe kartiert bakterielle Lebensgemeinschaften in Wohnhäusern.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Gleich am Anfang eine kleine Warnung. Wenn Sie nicht so genau wissen wollen, was es fĂĽr Bakterien in Ihrer Wohnung gibt und was die da so treiben (auch wenn es sich nicht um die krankmachenden Spezies handelt), sollten Sie lieber nicht weiterlesen. Ansonsten geht es jetzt weiter.
Früher zogen die Wissenschaftler in die entlegensten Ecken der Erde aus, um Fauna und Flora zu dokumentieren. Heute warten in den Urwäldern immer noch unzählige Pflanzen auf ihre Entdeckung. Inzwischen hat sich der Fokus aber etwas verschoben und die Forscher suchen auch nach exotischen Bakterien, zum Beispiel in heißen Quellen. Doch nun richtet sich der Blick allmählich auch wieder auf unsere unmittelbare Umgebung, frei nach dem Motto, dass Dschungel zuweilen auch im eigenen Haus zu finden sind. So geht Nathan Fierer von der University of Colorado laut einem Interview im Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ in ganz normalen Wohnhäusern auf Expedition.
„Es gab bereits viele Arbeiten über Insekten, die in der Wohnung leben – Bettwanzen, Flöhe, Milben und so weiter. Und die Leute interessieren sich natürlich für die schädlichen Bakterien, die dort leben“, sagt der Ökologe mit Schwerpunkt Mikrobiologie. Doch diese Bakterien machten nur einen Bruchteil der gesamten Mikroben-Community aus. Deshalb hat sich der Forscher daran gemacht, Licht in diese noch verborgene Diversität zu bringen und Wohnungen minutiös zu kartieren.
„Anstatt den Amazonas hinauf zu reisen, wollen wir zum Beispiel den Gang runter zum Bad erkunden“, sagt Fierer. Das klinge wenig glamourös und sogar ziemlich trivial, aber es gäbe durchaus Spannendes zu entdecken. In früheren Untersuchungen in den Toiletten der University of Colorado konnte der Forscher allein anhand des Bakterienmixes sagen, welche Probe aus dem Männer- und welche aus dem Frauen-WC stammte. Klingt eklig? Nun ja, medizinische Forschung ist häufig auch "unglamourös“.
Jetzt arbeitet der Wissenschaftler an einer dreidimensionalen Bakterien-Karte von Küchen. Wie sind die unsichtbaren Lebewesen verteilt, welche Art lebt bevorzugt wo – und so weiter. Was er herausgefunden hat? Offenbar gibt es Bakterien, die keinen weiteren Schaden anrichten, die wunderbar an das wenig glamouröse Leben auf einem Schneidebrett angepasst sind. Dass dieses häufig gesäubert wird, stört sie nicht weiter.
Und wo ist das große Bild dabei, fragen Sie? Fierer will den Einfluss unterschiedlicher Klimabedingungen untersuchen: Wie unterscheidet sich die Bakterienfauna, wenn sie in einem eher trockenen Haus wohnen und wie sieht es aus, wenn die Luftfeuchtigkeit etwas höher ist? Wie sehen die mikrobiellen Nahrungsketten in einem Haus aus, welche Bakterien dienen welchen anderen Lebewesen wie Milben als Nahrung? Und wie unterscheidet sich die Küche eines Vegetarier-Haushaltes von der eines nicht vegetarisch lebenden?
Alles schön und gut, werden Sie jetzt sagen. Aber wozu ist all das gut, außer zur Befriedigung der Forscherneugier? Erstens denke ich, dass diese Neugier erst einmal völlig berechtigt ist (ich gebe zu, dass ich als gelernte Biologin da etwas vorbelastet bin). Aber es sind durchaus praktische Anwendungen denkbar, zum Beispiel in der Forensik. Fierer zufolge gibt es Untersuchungen von Büros, bei denen die Computer-Tastaturen anhand ihrer Bakterien-Zusammensetzung eindeutig ihrem Besitzer zugeordnet werden konnten. Ähnliches sollte auch mit Wohnhäusern möglich sein. Vielleicht lässt sich auf diese Weise auch rekonstruieren, ob jemand tatsächlich dort gestorben ist, wo er gefunden wurde, wenn es keine Blutspuren gibt. (vsz)