Wie Goodyear seine Reifen entwickelt
Die Entwicklung von Reifen ist ein permanentes Jonglieren mit Interessenkonflikten. Wie dieser hochkomplexe Prozess in der Praxis aussieht, haben wir uns im Forschungszentrum von Goodyear Dunlop angesehen
- Matthias Nauman
Colmar-Berg (Luxemburg), 20. Juli 2012 – Die Reifenentwicklung ist für die Hersteller in letzter Zeit nicht unbedingt einfacher geworden. Ab kommenden November gilt das so genannte EU-Reifenlabel, in der europäische Regulierungsbehörden die Qualität von Reifen reichlich vereinfachend auf drei Kriterien heruntergebrochen haben: Nasshaftung, Rollwiderstand und Fahrgeräusch. So einfach ist die wahre Welt der Reifenentwicklung freilich nicht, da gibt es noch Abrollkomfort, Handling, Lebensdauer, Trockenbremsverhalten usw. – den perfekten Reifen gibt es nicht, sondern bestenfalls einen sehr guten Kompromiss. Und wie entwickelt man einen solchen Reifen? Wir haben es uns im Goodyear Innovation Center in Luxemburg angeschaut.
Einbeziehung von Kunden und Autoherstellern
Am Anfang des Prozesses steht die Festlegung der Entwicklungsziele für einen neuen Reifen. Liegt der Schwerpunkt auf niedrigem Verbrauch, auf gutem Grip bei Nässe oder auf Stabilität im Hochgeschwindigkeitsbereich? Goodyear führt europaweit Marktforschungen durch, um die Vorlieben der Kunden und künftige Trends zu bestimmen. Außer den Endverbrauchern werden auch die Autohersteller befragt: Welche neuen Modelle kommen in den nächsten Jahren auf den Markt? Welche Spezifikationen sind dafür erforderlich? Ist ein Anforderungsprofil definiert, werden die benötigten Reifengrößen festgelegt?
Wie Goodyear seine Reifen entwickelt (14 Bilder)

Bis ein neuer Reifen im Alltag eingesetzt werden kann, vergehen drei Jahre und mehr an Entwicklungszeit.
Funktion ist wichtiger als Design
In der Entwicklung arbeiten dann Schöngeister und Pragmatiker intensiv zusammen. Kreativ-Designer wie Sebastian Fontaine wollen dem Reifen ein schickes Äußeres verpassen: "Außerdem muss das Hersteller-Logo gut sichtbar sein, die Aerodynamik berücksichtigt werden und ein Winterreifen muss eben aussehen wie ein Winterreifen." So werden mehrere Vorschläge erarbeitet und an die technische Seite weitergereicht. Technik-Designer Michel Robert und sein Team schauen jetzt, was sich davon in die Praxis umsetzen lässt. In theoretischen Prozessen können sie den Rollwiderstand, das Geräuschniveau, die Handling-Eigenschaften auf trockener und nasser Fahrbahn sowie das Verhalten bei Aquaplaning simulieren. "Ein Reifen soll ja nicht nur gut aussehen, sondern auch gut performen", sagt Robert.
"Wie ein guter Koch"
Per Software wird am Computer dann ein detailgetreues 3D-Modell des Reifens erstellt und bearbeitet. Dabei kann genau festgelegt werden, an welcher Stelle welche Materialien zum Einsatz kommt, um bestimmte Eigenschaften zu erzielen. Deswegen variieren in der Praxis die Mischungsverhältnisse und die Anteile der verwendeten Verstärkungsmaterialien wie Stahl, Polyester, Nylon oder Aramid.