Klein und scharf
Der Staub legt sich, das Feld der spiegellosen Systemkameras ist komplett. Als letzter groĂźer Kamerahersteller steigt Canon mit der "EOS-M" in den Markt ein.
- Martin Kölling
Der Staub legt sich, das Feld der spiegellosen Systemkameras ist komplett. Als letzter groĂźer Kamerahersteller steigt Canon mit der "EOS-M" in den Markt ein.
Am Montag war es endlich soweit: Canon hat im Systemkrieg der Kameras endlich seinen ersten Zug gemacht – dabei mischen Konkurrenten wie Panasonic schon seit vier Jahren in diesem Markt mit. Canons erste Digitalkamera mit Wechselobjektiven, die ohne Spiegelsystem auskommt, heißt "EOS-M". Ihr Bildsensor ist so groß wie der von Canons Spiegelreflexkameras für den Massenmarkt (APS-C) – was extrem wichtig ist, wie ich später noch zeigen werde. Ohne Sucher und mit reduzierter Bedienung über Knöpfe und Rädchen zielt die EOS-M klar auf Einsteiger ab. Dabei hebt sie nur eine Neuerung deutlich von der Konkurrenz ab: Die Kamera verfügt über einen Touchscreen, der sich wie ein Smartphone-Display mit mehreren Fingern und Wischgesten bedienen lässt. Die bisherigen Angebote der Konkurrenz reagierten nur auf das Tippen eines Fingers.
Mit Canons Spielzug hat das Endspiel um die Systemführerschaft zwischen Spiegelreflexkameras und Systemkameras begonnen. Interessant sind für mich dabei die verschiedenen Lager und Segmentierungen, die die Hersteller geschaffen haben. Die Welt der gehobenen Fotografie zerfällt in mehrere Reiche: Die Profi-Ecke mit Mittelformatkameras als absolutes Nischenprodukt für einige Profis und alte "Vollformat"-Kameras mit Sensoren im Kleinbildformat für einige Profis und Menschen in der Nische, die Wert auf sehr geringe Tiefenschärfe, sehr hohe Auflösung und extrem hohe Lichtempfindlichkeit legen. Für die meisten Anwendungen sind diese Kameras jedoch Overkill. Der neue Semi-Standard: Kameras mit APS-C- und Micro-Four-Thirds-Bildsensoren (MFT), die das gesamte Spektrum von Anfängern bis hin zu vielen Profi-Anwendungen abdecken werden.
Der eigentliche Kampf wird meines Erachtens in der neuen Mitte stattfinden. Canon, Sony, Fujifilm, Pentax und Samsung haben sich dabei für APS-C-Sensoren entschieden, Olympus und Panasonic teilen sich das MFT-System, dessen Sensor kleiner ist. Dies hat Folgen für das Foto-/Videoverhalten: Die größeren APS-C-Sensoren gewährleisten eine geringere Tiefenschärfe als MFT-Sensoren und geben dem Fotografen damit mehr Möglichkeiten an die Hand, mit der Schärfe des Bildes zu spielen. Gleichzeitig sind die Pixel größer und das Bildrauschen sollte damit geringer sein als bei MFT-Sensoren. Videografen, die mit den Kameras filmen, leben hingegen etwas besser mit der größeren Tiefenschärfe der MFT-Kameras, weil damit das Scharfstellen sich bewegender Objekte erleichtert wird. Auf die Kamera- und vor allem Objektivgröße gibt es ebenfalls Auswirkungen: Größerer Sensor bedeutet mehr Glas, mehr Glas bedeutet mehr Gewicht. Theoretisch lassen sich MFT-Kameras und Objektive daher kleiner und leichter bauen.
Der Kunde hat nun die Qual der Wahl. Denn qualitativ sind die Unterschiede meiner Erfahrung nach wirklich nicht mehr so groß. Und wichtiger noch - gleichzeitig ist allen genannten Herstellern eines gemein: Sie haben ihre Sensoren so gewählt, dass die Besitzer digitaler Spiegelreflexkameras ihre "alten" Objektive mit einem Adapter auf den "neuen" Kameras weiternutzen können, ohne sich bei der Brennweite umstellen zu müssen.
Die Ausnahme ist Canons Erzrivale bei den Spiegelreflexkameras - Nikon. Dieser hat sich meines Erachtens strategisch ins Aus gestellt. Die Firma hat voriges Jahr der Branche eine Systemkamera mit dem kleinsten Sensor vorgestellt (klammern wir mal die Pentax Q aus). Auf die so genannte Nikon 1 können zwar auch Spiegelreflexobjektive geschraubt werden, aber weil der Sensor kleiner als bei Nikons "Voll-Format"- und APS-C-Spiegelreflexkameras ist, mutiert ein Weitwinkel- zu einem Normalobjektiv. Die Botschaft ist klar: Ich bin eine Einsteiger- oder auch Zweit-Kamera. Wer eine "richtige" Nikon will, muss eine Spiegelreflexkamera kaufen.
Das Kalkül: Nikon will dadurch seine Spiegelreflexkameras vor Kannibalisierung schützen. Dies wird sich aber in den kommenden Jahren noch übel rächen. Zwar glaube ich, dass Nikon damit seine Spiegelreflexkameras wirklich geschützt hat – aber nur unter knallharten Fans. Im Massenmarkt hingegen hat Nikon damit meines Erachtens schon verloren. Wie sagte doch Apple-Gründer Steve Jobs: "Wenn du nicht selbst kannibalisierst, wird es jemand anderes tun."
Auch Canon wird daher für sein jahrelanges Zögern, in den neuen Markt einzusteigen, einen hohen Preis zahlen müssen. Angesichts des mehrjährigen Vorsprungs der Konkurrenz glaube ich nicht, dass Canon bei Systemkameras erneut einen derart riesigen Marktanteil wie bei Spiegelreflexkameras erobern wird. Denn die Zukunft der Fotografie wird in Asien geschrieben. Und da sind die Kunden weniger auf Marken festgelegt, weil viele sich nun ihre erste Kamera – und vor allem die passenden Objektive – anschaffen. Aber für Nikon wird es noch schwerer.
Pech für den Konzern: Die Spiegelreflexkamera wird in der neuen Mitte nicht als Hauptprodukt überleben – aus mehreren Gründen. Spätestens, wenn der elektronische Verschluss kommt, sind mechanische Systeme endgültig überflüssig und nur noch schwerer, unnützer Ballast. Außerdem schätzen selbst in den konservativen, lange gewachsenen Spiegelreflexmärkten Nordamerika und Europa immer mehr Fotografen, dass sie weniger Gewicht durch die Gegend schleppen müssen. Ohne das schwere gläserne Spiegelprisma lassen sich die Kameras kleiner und teilweise um mehrere hundert Gramm leichter als vergleichbare Spiegelreflexkameras herstellen. Außerdem spricht auch die Bildqualität nicht mehr für Spiegelreflexkameras. Schließlich arbeiten in den meisten Systemkameras inzwischen die gleichen Sensoren wie in den Spiegelreflexmodellen für den Massenmarkt.
Und was mache ich als Canon-Besitzer? Ich habe mich noch immer nicht entschieden, ob ich umsteigen oder bei Canon bleiben soll. Stattdessen habe ich mir Sonys neue RX-100 gekauft, eine Kompaktkamera mit der gleichen Sensorgröße wie Nikons 1. Der Sensor ist mir zwar für eine Systemkamera zu klein, aber für eine Kompaktkamera ist er extrem groß. Damit reicht die Bildqualität des 20-Mega-Pixel-Sensors für die meisten Einsätze aus. Meine große Spiegelreflex mit den (sehr guten und teuren) L-Objektiven bleibt jetzt meistens zuhause. (bsc)