Wo ist die Störung hin?
Die fortschreitende Digitalisierung hat das Überraschungspotential der Programmunterbrechungen reduziert zu einem öden "geht" oder "geht nicht". Ein britischer Tweet weckt neue Hoffnung.
- Peter Glaser
Die fortschreitende Digitalisierung hat das Überraschungspotential der Programmunterbrechungen reduziert zu einem öden "geht" oder "geht nicht". Ein britischer Tweet weckt neue Hoffnung.
Neulich tauchte ein überraschender Störungs-Tweet der BBC in meiner Twitter-Timeline auf: "The @BBCWorld & @BBCNews sites are currently experiencing technical problems, our engineers are trying to fix them. Thanks for your patience." Ich wurde von einem angenehmen, sentimentalen Gefühl durchströmt. Es war, als wäre etwas aus einer längst vergangenen Zeit wieder aufgetaucht – und mir wurde klar, dass ich schon lange keine richtige Störung mehr wahrgenommen hatte und vor allem: umgehend davon benachrichtigt wurde.
Und ich meine nicht Ausfälle, also den anderen der zwei Zustände "geht" und "geht nicht", sondern richtige Störungen. Rätselhafte, irrlichternde, in den ersten Augenblicken unbegreifliche Zwischenzustände, die in unterschiedlichster Weise die Funktionsfähigkeit des Mediums in Mitleidenschaft ziehen. So war etwa die Fußball-WM 1986 in Mexiko City aus verschiedenen Gründen störungsbemerkenswert, zu denen der Sauerstoffmangel durch die Höhe ebenso zählte wie die irritierende Methode, die Rasenmäherspuren im Azteken-Stadion nicht wie sonst üblich in akkuraten Streifen, sondern spiralförmig vom Ankickpunkt in der Mitte des Spielfelds aus verlaufen zu lassen. Während der Übertragungen kippte die Farbcodierung immer wieder in psychedelische Bereiche, ihr zu danken die Spieler unter anderem über violette Rasenflächen rannten (und Maradona die "Hand Gottes" zu Hilfe kam). Das meine ich mit Störungen – keine kleinwürfeligen Pixel-Artefakte, die mal kurz über den Bildschirm bröseln.
Während man im Radio das bisschen Fading, Rauschen und Gespratzel einigermaßen klaglos hinnehmen konnte, weil man zumeist trotzdem etwas hörte und verstand, lag das Epizentrum des Gestörtseins im Fernsehen.
Es gab eigene Störungsdias, auf die jählings umgeschaltet werden musste, wenn sich das Bild wieder einmal zu verziehen anfing oder flatterte wie ein von Frau Holle ausgeschütteltes Bettuch, um sich schließlich in ein katastrophisches, schwarzes Bild zu verlieren. Zack, Störungsdia: "Bitte entschuldigen Sie die Störung. Unsere Techniker sind an der Arbeit." (Zwei schöne Beispiele der Gattung aus den 70er Jahren, wenn mitten im laufenden Fernsehprogramms die Lampe des Filmgebers durchbrannte, hier und hier.)
Man spürte, dass da jemand in einem Regieraum saß, stets der unerwartet hereinbrechenden Gefahr einer Störung gewahr, der seine Hand statt auf einen NOT-HALT-Knopf auf den Auslöser für das Störungsdia fallen ließ, mit dem gleichzeitig in der Art eines Feueralarms eine technische Eingreiftruppe alarmiert wurde, die man sich hinter der ohne Bild und Ton (und dann aber doch mit dem Störungsdia) dastehenden Verlaufslosigkeit des Fernsehprogramms leibhaftig vorstellen konnte. Man hörte sie förmlich atmen, leise fluchen und schwere, hammerschlaglackierte Blechschränke öffnen, Porzellansicherungen schrauben, etc.
Dieses Hintergrundgeschehen im Maschinenraum jenseits der flüchtigen Medienoberfläche konnte man in seinem Vorstellungsvermögen bereits einüben, wenn von Störung noch keine Rede war, etwa bei Sendungen der Eurovision, einer 1954 gegründeten Einrichtung der European Broadcasting Union (EBU) zum Austausch von Fernseh- und Hörfunkprogrammen. Wurde mit dem EBU-Jingle das Herannahen einer Gemeinschaftssendung angekündigt, konnte man sich bereits moralisch auf die nachfolgende Schrifttafel "Wir schalten um" einstellen, hinter der man sich, gleichartig wie bei der Störung, einen Techniker vorzustellen hatte, der zwischen schrankhafter Gerätschaft einherschritt und allerlei Hebel, Filmspulen und Räderwerk in Gang setzte.
Mit dem technischen Fortschritt und beschleunigtem Schalten – hier eine Umschaltung aus den 80er Jahren – sind die elegischen Formen des Übergangs in den Medien nunmehr Folklore geworden. Über den letztlichen Verbleib der Fernsehstörung weiß ich ehrlich gesagt gar nicht Bescheid, da ich praktisch nur noch Internet gucke und also statt Störungen nur noch Ausfälle zu Gesicht bekomme. Seit ich den hauseigenen Gesamtmedienstrom über IP laufen lasse, also Telefon, Fernsehen und Netz, bin ich natürlich auch schon in den Genuss eines erst dadurch möglichen kompletten Gesamtausfalls gekommen, der sich nach kaum zwei Tagen, nachdem ein Telekom-Techniker sich mit der Machete endlich zu der betreffenden Vermittlungsstelle vorgearbeitet hatte, auch problemlos wieder beheben ließ. Aber das war eben nur ein Ausfall und keine von diesen guten, alten Störungen, als die noch richtig was hermachten.
Der kleine BBC-Tweet gibt mir wieder Hoffnung. "The @BBCWorld & @BBCNews sites are currently experiencing technical problems, our engineers are trying to fix them. Thanks for your patience." (bsc)