Buchtipp: Sylt aus der Sicht aktueller Fotokunst

40 Kilometer Weststrand, Kult, Klischee und Kontroverse: Sylt lässt Raum für viele Standpunkte. Einige davon zeigen der Bildband und die Ausstellung "Sylt im Spiegel zeitgenössischer Fotografie".

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Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Robert Seetzen

Sylt im Spiegel zeitgenössischer Fotografie

(Bild: Hatje Cantz)

Sylt wird geliebt oder gehasst, ist aber wohl kaum einem wichtiger als dem Autoren Moritz Rinke. In seinem Begleittext "Das wichtigste an einer Insel ist das Wasser drumherum" erzählt er, wie die Insel ihm ganz wortwörtlich das Leben gerettet hat. Knapp vierzig Jahre ist das nun her und schon damals war Sylt nicht nur Lebensretter, sondern längst auch ein umfassend erschlossenes Reiseziel. Wie wenig und zugleich wie viel sich seither geändert hat, wird an den älteren der gut 160 im Bildband versammelten Aufnahmen deutlich. Denn obwohl der Titel ganz zu Recht zeitgenössische Fotografie verspricht, sind auch zwei Serien aus den sechziger und siebziger Jahren zu finden.

Die ab etwa 1960 entstandenen Bilder von Robert Lebeck und eine 1974 fotografierte Serie von Volker Hinz in den Bildband aufzunehmen, erweist sich als Glücksgriff. Zwar sind beide Serien mit fünf beziehungsweise sieben Bildern eher kurz gefasst, einen Eindruck der Atmosphäre jener Tage vermitteln sie dennoch. Und so sehr manches für seine Zeit spezifische Detail ins Auge springen mag, die Rhythmen eines Urlaubsortes widerstehen dem Wandel der Jahre offenkundig mit großer Beharrlichkeit. Viel größer als die oft nur oberflächliche Veränderung der Szenerie scheint ohnehin die Entwicklung des fotografischen Zugangs. Zwar sind die journalistisch geprägten Serien von Lebeck und Hinz nur bedingt mit den teils eher abstrakt ausgerichteten Arbeiten der 22 übrigen Fotografen zu vergleichen. Dennoch wird deutlich, wie sehr sich die Sichtweisen und Zielrichtungen der Fotografie in den letzten 40 Jahren verändert haben.

Sylt aus der Perspektive heutiger Fotokunst zu betrachten, ist freilich nicht erst im Kontrast zu Vergangenem spannend. Dies gilt um so mehr, wenn die Sichtweisen der Fotografen so unterschiedlich ausfallen wie in diesem Bildband. Christian Diehl etwa hat aus einem Kubikmeter Wattschlamm unter anderem Muschelschalen, Tangblätter und Wattwürmer heraus gepickt und jedes der Objekte vor schwarzem Hintergrund freigestellt. Das mag banal klingen, erzielt aber gerade im Kontext des Bildbands starke Wirkung. Einen ganz eigenen Ansatz verfolgt auch die Tschechin Dita Pepe. In ihren sorgfältig arrangierten "Sylter Selbstportraits" schlüpft sie in fremde Rollen und macht sich selbst zum Teil einer fremden Familie oder anderen Gruppe. Dort sieht man sie dann zum Beispiel als Leierkastenfrau, als Surferin, in Motocross-Kluft oder in alter Tracht.

Jörg Brüggemann wiederum bleibt nah am Kernthema. Seine Serie "Die Rettungsschwimmer von Sylt" zeigt den Arbeitsalltag der Lebensretter ohne Klischees in ruhigen, aber keineswegs langweiligen Bildern. Eine Prise mitunter hintergründigen Humors steckt in "Text and Landscape" von Martin Kollar. "Hunde anleinen Schafe" (sic) empfiehlt da etwa ein Schild, das vor schöner Dünenlandschaft an einem Recycling-Container liegt. Ein anderes warnt vor dem Stolper- und Sturzrisiko beim Betreten einer aus großen Steinblöcken aufgeschütteten Mole. Peter Bialobrzeski schließlich setzt aus authentischen Sylt-Bildern die hypothetischen Strände des längst von der Nordsee verschlungenen Rungholt zusammen und verweist dabei in seinem Bildkommentar ausdrücklich auf die erschreckend reale Vergänglichkeit der Sylter Küste.

Zu hoffen bleibt, dass seine dĂĽstere Prognose nicht allzu schnell Wirklichkeit wird. Denn so gut der Bildband fraglos gelungen ist, als Ersatz des Originals wĂĽrde er dann doch nicht genĂĽgen.

Fotoausstellung: Willi-Brandt-Haus, Berlin: 06.07. bis 26.08.2012

Sylt im Spiegel zeitgenössischer Fotografie
Hrsg. Denis Brudna
Hatje Cantz Verlag
160 Seiten, 161Abb. , Texte dt.
30 x 25 cm
29,80 Euro
ISBN 978-3-7757-3364-9

(tho)