SĂĽdkoreas kleines, dreckiges Geheimnis

Das ostasiatische Wirtschaftswunderland verschleudert Strom zu Dumping-Preisen, die Kassen von Wirtschaft und Bewohnern freut's. Doch die Politik rächt sich: Südkorea drohen Stromausfälle.

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Von
  • Martin Kölling

Das ostasiatische Wirtschaftswunderland verschleudert Strom zu Dumping-Preisen, die Kassen von Wirtschaft und Bewohnern freut's. Doch die Politik rächt sich: Südkorea drohen Stromausfälle.

Sie haben sich gefragt, wie ein bekannter südkoreanischer Elektronikhersteller seinen sagenhaften Aufstieg und derzeit seine noch sagenhafteren Gewinne schaffen konnte, während der Rest der Elektronikhersteller eher am Stock geht? Südkorea hat es in dieser Woche verraten – als die Regierung die Bevölkerung mehrfach vor Stromknappheit warnte und zum Stromsparen aufforderte. Ohne Selbstbeschränkung drohten dem Land Stromausfälle wie zuletzt im September 2011. Die Regierung brachte daher sogar gegen Sicherheitsbedenken der Bevölkerung einen alten Meiler im AKW Gori wieder ans Netz, der im März nach Problemen abgeschaltet worden war.

Auf den ersten Blick ist Südkoreas Problem, dass der chronisch klamme Stromkonzern Kepco nicht schnell genug neue Kraftwerke bauen kann, um die explodierende Stromnachfrage zu befriedigen. In den letzten 20 Jahren hat sich Südkoreas Stromverbrauch fast vervierfacht. Südkoreas Aufstieg zu einer Industrienation ist ein Grund dafür. Ein anderer jedoch ist – und da kommen wir zu Samsungs hohen Gewinnen –, dass die Regierung Strom unter den Herstellungskosten verkaufen lässt, um die Wettbewerbsfähigkeit seiner energiehungrigen Exportindustrie zu stärken und die Haushaltskasse seiner Bürger zu schonen. Nach Angaben Kepcos machte die Strompreislücke 2011 bei Unternehmen 12,5 Prozent und bei Privatkunden 11,7 Prozent aus.

Eine Folge ist natĂĽrlich, dass der sĂĽdkoreanische Energieriese tiefrote Zahlen schreibt. Wegen der hohen Preise fĂĽr fossile Brennstoffe explodierte Kepcos Reinverlust im vergangenen Quartal auf 1,5 Milliarden Euro, rund 48 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Folge Nummer zwei ist bedenkenloser Stromkonsum. SĂĽdkoreaner verbrauchen laut dem "World Fact Book" des US-Geheimdienstes CIA im Jahr durchschnittlich 40 Prozent mehr Energie als in Japan oder Deutschland. Besonders schwierig ist dabei die Befriedigung der Spitzenlast, die anders als in Nippon nicht nur im heiĂźen Sommer auf extrem hohe Werte steigt, sondern auch im kalten Winter. Am Montagnachmittag kletterte der Bedarf zwischen zwei und drei Uhr auf rund 74,5 Millionen Kilowatt. Kepcos Reserve fiel damit unter die Marke von drei Millionen Kilowatt, bei der automatisch eine Stromspar-Warnung ausgeben wird.

Langsam erkennt auch die Regierung, dass ihre Energiepolitik falsche Anreize setzt. Als ersten Schritt zur Sensibilisierung der Menschen und Firmen, ein bisschen Strom zu sparen, hat sie Ende 2011 sowie auch diese Woche den Strompreis erhöht. Diesmal betrug der Aufschlag im Schnitt 4,9 Prozent. Samsung muss sich dennoch nicht fürchten, dadurch an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Denn die Erzrivalen in Japan müssen nicht nur mehr für Strom zahlen (Japans Stromkonzerne sind "privat" und damit verpflichtet, Gewinn anzustreben). Sie müssen ab diesem Jahr auch einen zusätzlichen Aufschlag von zehn Prozent verkraften, wenn sie im Großraum Tokio wirtschaften. Denn die Abschaltung fast aller Atomkraftwerke hat zu erhöhten Treibstoffkosten geführt, die Tepco an die Kunden – wenigstens teilweise – weiter geben darf. Mein Stromrechnung wird jedenfalls ab September um rund 8,5 Prozent steigen. Und da ist noch keine Ökostromabgabe miteingerechnet. (bsc)