Twitter und Facebook gegen die Kleinen
Die Social-Networking-Riesen versuchen, mehr Geld zu verdienen. Externe Entwickler leiden.
- Jessica Leber
Die Social-Networking-Riesen versuchen, mehr Geld zu verdienen. Externe Entwickler leiden.
Hunderttausende von Programmierern, die ihre Anwendungen für die Plattformen großer sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter schreiben, leben stets mit der Gefahr, dass die Plattformbetreiber ihnen den Teppich unter den Füßen wegziehen könnten. Oft ist es das Risiko wert, weil Einzelkämpfer und Start-ups so schneller ein Publikum für ihre Apps finden – schließlich tummeln sich Abermillionen Nutzer bei den Diensten. Der Spieleanbieter Zynga hat zum Beispiel anfangs davon profitiert, ebenso der Bilderdienst Instagram, der mittlerweile von Facebook sogar übernommen wurde.
Doch die großen Dienste setzen ihre Entwickler in den letzten Monaten stärker unter Druck, als je zuvor. Da werden Plattformregeln verschärft oder neue Features angeboten, die Drittanbieter Konkurrenz machen. Für einige Start-ups führt dies mittlerweile dazu, dass sie weniger Geld einwerben können oder ihre Produktpläne ganz auf Eis legen.
Twitter zog Millionen von Nutzern auch deshalb an, weil die dort generierten Botschaften stets durch externe Programme lesbar und publizierbar waren. Mittlerweile gibt es über eine Million Apps, die Twitter unterstützen. Doch das könnte sich ändern. Twitter arbeitet derzeit intensiv daran, seine Plattform endlich profitabel zu machen. Dabei stören die externen Angebote, weil sie dazu führen könnten, dass Nutzer beispielsweise Nachrichten von Sponsoren nicht zu sehen bekommen, mit denen Twitter Teile seines Umsatzes verdienen will. Ähnliches gilt für die neuen Nachrichten- und Multimedia-Angebote, die Twitter integriert.
In einer vor einigen Wochen veröffentlichten Stellungnahme hieß es, Twitter werde künftig versuchen, eine "konsistentere Nutzererfahrung" zu schaffen. Damals gab es bereits Spekulationen, dass demnächst Entwickler vieler Arten von Apps Probleme bekommen könnten. "Mehr Konsistenz" ist auch die Formulierung, die Twitter verwendete, als die Firma begann, es Programmierern schwerer zu machen, Anwendungen zu vertreiben, die die Standardnutzung des Dienstes abbilden. Dies begann schon im vergangenen Jahr.
Aktuell ist noch nicht abzusehen, wie genau die Plattform sich verändern wird. Start-ups und Investoren sind auf Gerüchte angewiesen. So wurden in den letzten Wochen Tweet-Weiterleitungen an den Jobdienst LinkedIn unterbunden und die "Freunde finden"-Funktion aus der Bilder-App Instagram entfernt. Der Chef von Flipboard, einer Firma, die ihr interaktives Tablet- und Smartphone-Magazin auch aus Links bei Twitter zusammenstellt, verließ erst kürzlich den Twitter-Verwaltungsrat. Das führte zu Spekulationen über einen wachsenden Konflikt zwischen Twitter und den Start-ups, die von dem Angebot abhängen.
Die Unsicherheit führt bereits zu wirtschaftlichen Schäden, wie der langjährige Internet-Unternehmer Nova Spivack meint. Sein aktuelles Start-up, Bottlenose, baut ein Produkt, mit dem Nutzer interessante Nachrichten finden können, deren Bedeutsamkeit auch durch Aktivitäten in verschiedenen sozialen Netzwerken ermittelt wird, darunter Twitter. "Es gibt viele Firmen, die ihre Aktivitäten einschränken und sich fragen, wie es weitergeht." Diese Politik von Twitter sei "unverantwortlich".
Spivack hat bei Twitter nachgefragt, wie es weitergeht, erhielt aber keine Antwort. Auch von anderen Start-ups hörte er Ähnliches, erste Firmen hätten sogar Probleme, frisches Geld einzusammeln. Aus diesem Grund startete Spivack nun eine Petition. "Twitter muss sein Versprechen einhalten, eine offene Plattform zu bleiben." Mindestens müsse das Unternehmen den Entwicklern seine Absichten klar machen.
Ein weniger offenes Twitter könnte Innovationen im Social-Networking-Bereich schaden. "Wenn man nicht mehr an die Daten kommt, sind die Dinge, die man mit dem Dienst anstellen kann, deutlich uninteressanter", sagt auch Ed Finkler, Entwickler eines Open-Source-Clients für Twitter, der die Arbeit daran mittlerweile eingestellt hat. Twitters neue Regeln hätten es ihm verleidet.
Facebook scheint auf einem ähnlichen Kurs zu sein, Entwickler zu triezen: Das liegt auch daran, dass es dem Börsenkurs nicht gutgeht und das Unternehmen den Druck verspürt, mehr Geld zu verdienen.
Ein Beispiel ist der Umgang mit einem Programmierer, der möglicherweise die Wachstumsstrategie von Facebook behindert hätte. Nachdem der Konzern sein neues "App Center" vorgestellt hatte, schrieb der Technik-Unternehmer Dalton Caldwell einen Brief an Firmenchef Mark Zuckerberg, in dem er ihm vorwarf, Facebook habe ihn unter Druck gesetzt, keinen ähnlichen Dienst zu schaffen. Caldwell baut derzeit an seinem eigenen unabhängigen sozialen Netzwerk.
Beim dritten Online-Riesen, Google, hat man noch nicht einmal damit begonnen, Entwicklern Zugriff auf seinen Facebook-Konkurrenten Google+ zu geben. Der zuständige Manager Vic Gundotra schrieb im Firmenblog, das Unternehmen wolle zunächst sicherstellen, dass die Regeln langfristig eingehalten werden könnten. "Wir sind vorsichtig, weil wir anders sein wollen. Wir möchten den Entwicklern auf unserer Plattform mit Respekt begegnet." Er wisse, dass das "etwas Neues" sei, fügte er ironisch hinzu.
Was Twitter anbetrifft, erwarten Experten wie Spivack zwar nicht, dass das ganze Entwickler-Ökosystem abgeschaltet wird. Er fürchtet aber, dass die Firma dabei ist, das, was sie so innovativ gemacht hat, abzuschaffen. "Es sieht so aus, als ob viele dieser Unternehmen vom Weg abgekommen sind. Sie haben ihre Leidenschaft verloren." Spivack wird später noch deutlicher: "Das könnte Twitters MySpace-Moment werden." Das einst erfolgreiche soziale Netzwerk, so wissen alteingesessene Internet-Nutzer, manövrierte sich mit Pauken und Trompeten ins Abseits. (bsc)