Die Moral-App
Manchmal frage ich mich, ob wir es mit der Programmierung von vermeintlich nützlichen Diensten nicht übertreiben. Jüngstes Beispiel sind Software-Lösungen, die Gefühle und Stimmung bei Mitarbeitern erkennen.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Manchmal frage ich mich, ob wir es mit der Programmierung von vermeintlich nützlichen Diensten nicht gelegentlich übertreiben. Jüngstes Beispiel sind Software-Lösungen, die Gefühle und Stimmung bei den Mitarbeitern von Firmen erkennen.
Solche Dienste zeigen den Chefs ganz generell an, ob die Moral gut ist oder nicht, wie die Belegschaft etwa das neue E-Mail-System findet, welche emotionalen Strömungen vor dem neuen Produktstart vorherrschen. Der Firmen-Kommunikationsnetzwerk Yammer zum Beispiel, das vor kurzem von Microsoft für 1,2 Milliarden Dollar aufgekauft wurde, soll bis zu 80 verschiedene Emotionen wie Begeisterung und Irritation detektieren können – und zudem auch anzeigen, wie stark diese Gefühle sind. Es ordnet die erkannten Gefühle zwar nicht grundsätzlich einzelnen Personen zu, pickt aber durchaus individuelle Meinungen heraus, die besonders einflussreich sind. Oder nehmen wir das Programm Crane, das sogar die Umschwünge in der emotionalen Großwetterlage und die Intensität der Gefühle erfassen kann. Auch bei Twitter wurde schon versucht, aus Nutzerkommentaren verwertbare Informationen über die Motivation zu ziehen.
Natürlich ist klar, dass solche Emotionsdetektionsprogramme ihre Grenzen haben und etwa Sarkasmus à la „Mein Toyota hat nicht allzu weit beschleunigt, eine Wand stoppte ihn“ in Twitter nicht immer als negative Meinung erkennen, wie mein US-Kollege Tom Simonite schreibt. Mein Problem damit ist viel grundsätzlicher: Was in aller Welt ist mit dem guten alten Zuhören passiert? Den Besprechungen, in denen Positives und Negatives angesprochen werden kann? Ist das Berufsleben inzwischen so hektisch geworden, dass ein Chef den Puls seiner Mannschaft nicht einmal mehr beim Mittagessen, quasi ganz nebenher, fühlen kann?
Selbst wenn es so ist, irgendwie bezweifle ich, dass sich Emotionsdetektoren durchsetzen werden. Nicht nur weil Vorgesetzte ihre Schäfchen natürlich darüber informieren müssten, dass sie ihnen – selbstverständlich völlig ungefährlich – zuhören. Sondern eher aus Optimismus. Am Ende wird es uns einfach zu dumm sein, dass uns nicht ein Mensch, sondern eine Maschine aushorcht. (vsz)