Samuel Morse: "Nachrichten in einem Augenblick"

Als Künstler konnte er sich kaum ernähren, doch mit der Erfindung des Schreibtelegrafen wendete sich das Leben von Samuel Morse.

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Von
  • Gordon Bolduan

Als Künstler konnte er sich kaum ernähren, doch mit der Erfindung des Schreibtelegrafen wendete sich das Leben von Samuel Morse.

Samuel Finley Breese Morse wird am 27. April 1791 geboren. Mit 20 beginnt er ein Malerei-Studium in England. 1818 heiratet er Lucretia Walker, die sieben Jahre später verstirbt. 1829 beginnt Morse einen Studienaufenthalt in Europa. 1833 erfolgt die Ernennung zum Professor für Skulptur und Malerei an der neuen Universität von New York. 1837 führt er dort den Telegrafen vor, drei Jahre später wird ein Patent erteilt. 1844 wird das erste offizielle Telegramm gesendet. 1848 heiratet Morse mit 57 Jahren seine 26-jährige Cousine Sarah Griswold. 1858 wird die erste offizielle Kabelmeldung über den Atlantik geschickt. Am 2. April 1872 stirbt Morse 80-jährig an einer Lungenentzündung.

Technology Review: Mister Morse, es ist nun drei Jahre her, dass Sie im Jahr 1844 erstmals eine Zeile zwischen Washington und Baltimore elektrisch in Sekundenschnelle ĂĽbertragen haben. Was hat sich inzwischen getan?

Samuel Morse: Eine ganze Menge. 1269 Meilen telegrafische Leitungen existieren bereits in unserem Land, und es werden täglich mehr.

TR: Ein gewisser Dr. Charles T. Jackson behauptete vor geraumer Zeit, dass er der alleinige Erfinder der elektrischen Telegrafie sei.

Morse: Eine traurige Gestalt. Nachdem er auch noch erklärte, die Schießbaumwolle und Äther für chirurgische Anästhesie erfunden zu haben, fristet er nun sein Dasein in einer Irrenanstalt.

TR: Aber er war ebenfalls an Bord der durch Sie berĂĽhmt gewordenen "Sully"?

Morse: Ja. 1832 segelte ich auf diesem Schiff von Europa zurück nach Amerika. Während der Überfahrt berichtete Jackson mir, dass Naturwissenschaftler Strom über eine Entfernung von vielen Meilen geleitet hätten und keinen zeitlichen Unterschied feststellen konnten. Daraufhin folgerte ich, dass man dann damit auch Nachrichten übertragen könne. Diese Erkenntnis hat mich nicht mehr losgelassen, und bereits auf dem Schiff habe ich erste Ideen für den Apparat entwickelt. Charles Jackson spielte also sehr wohl eine Rolle, allerdings nur am Rande.

TR: Das Patent umfasste ja weit mehr als nur die elektromagnetische Übertragungsmethode und den Apparat zum Senden. Es gehörten auch dieser spezielle Code und ein Empfänger dazu, der die Morsezeichen per Bleistift auf Papier bannt. Warum erhielten Sie das Patent erst im Jahre 1840?

Morse: Ich lehrte als Kunst-Professor, daher konnte ich mich nur nebenbei mit der Entwicklung meines Telegrafen beschäftigen.

TR: Man munkelt, dass Sie daran gearbeitet haben, um dauerhaft Ihren Lebensunterhalt aufbessern zu können.

Morse: Dummes Zeug. Ich habe mich damit beschäftigt, weil ich glaubte, etwas Bedeutendes zu schaffen, etwas, das unsere Gesellschaft verändern könnte.

TR: Stimmt es denn nicht, dass Sie auf dem FuĂźboden schlafen mussten und Ihre Lebensmittel immer erst bei Anbruch der Dunkelheit einkauften, damit keiner sehen konnte, dass Sie im Atelier Ihre Mahlzeiten zu sich nahmen?

Morse: Ich verdiente als Professor wirklich nicht viel. Aber die von Ihnen geschilderten Beobachtungen stammen aus einer Zeit, in der ich als KĂĽnstler noch nicht etabliert war.

TR: Was ist der bisher wichtigste Satz, der mit Ihrem Telegrafen ĂĽbertragen wurde?

Morse: Wer ruhig warten kann, ist kein Verlierer.

TR: Warum?

Morse: Das war der Testsatz, mit dessen Ăśbertragung wir den Vater meines Partners Alfred Vail ĂĽberzeugten, in meine Erfindung zu investieren. Erst mit seinem Geld konnten wir Modelle bauen und sie Politikern hier und im Ausland vorfĂĽhren.

TR: Sie warben im Ausland?

Morse: O ja. Sieben Monate war ich in England und Frankreich und habe um Aufträge für den Bau einer telegrafischen Linie geworben. Auch mit dem Zaren korrespondierte ich. Trotz vielen Lobes kam nichts dabei heraus.

TR: Klappte es im eigenen Land besser?

Morse: Ganz und gar nicht. Ich hatte sogar schon die Hoffnung aufgegeben. Am letzten Tag der Sitzungsperiode im Jahr 1843 brannten im Senat bereits die Lampen, und da noch mindestens 140 andere Gesetzesentwürfe zu verabschieden waren, dachte ich, dass ich mal wieder leer ausgehen würde. Ich war daher schon frustriert in mein Hotelzimmer zurückgekehrt. Am nächsten Morgen erfuhr ich dann überrascht, dass der Senat doch noch die Gelder für die Teststrecke bewilligt hatte.

TR: Und von da an war das Hoffen und Bangen nicht mehr notwendig?

Morse: Leider doch. Wir hatten nämlich zu spät gemerkt, dass die Isolierung fehlerhaft war und nicht ausreichen würde, um die Drähte im Erdboden zu verlegen. Damit hatten wir 23.000 Dollar in das falsche Material investiert. Bewilligt hatte der Senat uns aber nur 30.000 Dollar.

TR: Der Druck muss enorm gewesen sein. Wie sind Sie aus dieser misslichen Lage herausgekommen?

Morse: Mein Partner Vail und Ezra Cornell, der für das Verlegen der Rohre eine Maschine erfunden hatte, schlossen sich in der Patentamtsbibliothek ein und lasen alles, was sie über Telegrafie finden konnten. Sehr schnell kamen sie dabei auf die Idee, Telegrafenstangen zu verwenden. Wenige Tage später haben wir dann im ganzen Umland rund 700 Holzpfähle gekauft.

TR: Inzwischen sind Ihnen Ruhm und Reichtum gewiss. Kehren Sie nun zur Malerei zurĂĽck?

Morse: Nein, nicht ich habe die Malerei verlassen, sondern sie mich.

TR: Was meinen Sie damit?

Morse: Ich habe einen großen Teil meines Lebens der Kunst gewidmet. In Europa habe ich bei den Besten studiert. Zurück im eigenen Land habe ich nicht nur große Gemälde geschaffen, sondern auch als Mitbegründer und Präsident der Nationalen Kunstakademie dafür gesorgt, dass amerikanische Künstler nun Anerkennung für ihre Werke erhalten. Aber als es dann darum ging, vier Maler auszuwählen, die das Innere des Kapitols gestalten durften, wurde mein Name nicht mal erwähnt. Dabei war von den letztendlich benannten Künstlern nur einer annähernd so gut ausgebildet wie ich.

TR: Das tut mir leid. Was wollen Sie nun tun?

Morse: Eine telegrafische Verbindung über den Ozean ermöglichen.

TR: Ist das nicht etwas zu ambitioniert, nachdem Ihnen schon die Isolierung einer Untergrundleitung Probleme bereitete?

Morse: Keineswegs. Das ist nichts anderes als die praktische Konsequenz aus den Aufsätzen von Georg Simon Ohm, der übrigens ein Landsmann von Ihnen ist.

TR: Wollen Sie wirklich so ein teures Großprojekt angehen? Ein Fehlschlag könnte Sie in den Ruin treiben.

Morse: Als ich in London studierte, mussten meine Eltern vier Wochen auf meine Zeilen warten. In Zukunft soll dafĂĽr ein Augenblick ausreichen. ()