"Wir versuchen, die Natur zu zähmen"
Stefan Lange vom Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, über die Frage, was noch natürlich ist.
- Udo Flohr
Stefan Lange vom Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei, über die Frage, was noch natürlich ist.
Lange ist Forschungskoordinator des Braunschweiger Johann-Heinrich-von-Thünen-Instituts, das den Rang eines Bundesforschungsinstituts trägt.
Technology Review: Herr Lange, was ist noch natĂĽrlich?
Stefan Lange: Das ist seriös nicht feststellbar. Nehmen Sie Lebensmittel: Bis auf wenige Ausnahmen entsprechen bereits die Ausgangsprodukte nicht mehr ihrer Ursprungsform. Aus Süßgräsern haben wir Getreide gezüchtet, unsere Kartoffelsorten haben mit der Anden-Knolle nur noch wenig gemein. Ein handwerklich hergestellter Roquefort-Käse, perfekt marmoriert und edel duftend – das ist Kultur gewordene, wunderbare Chemie! Natur hingegen ist es nicht.
TR: Eine in der Wildnis lebende Schwarze Mamba ist es jedoch durchaus. Ihren Biss dagegen bezeichnen wir, wenn er tödlich ist, als nicht natürliche Todesursache. Wie kommt es zu diesem Widerspruch?
Lange: Wir verbinden mit "natürlich" Eigenschaften der Natur wie unberührt oder rein und in der Sinnübertragung Begriffe wie Verständlichkeit und Einfachheit. Aber gerade wir Menschen sind das Produkt der Kehrseite der Natur mit ihrer unerbittlichen Auslese alles nicht Überlebensfähigen. Diese "negative" Seite der Natur versuchen wir zu zähmen, indem wir natürliche Risiken minimieren.
TR: Ist der Mensch nicht Teil der Natur?
Lange: Doch. Er gehört dazu. Aber im Unterschied zu anderen Arten plant er, strebt nach neuem Wissen sowie materiellem und kulturellem Wachstum. Die Inanspruchnahme der dafür nötigen Ressourcen hat uns an einen Wendepunkt geführt, der ein neues Denken und Handeln erfordert. Denn einen Zusammenbruch unserer Population als Folge verknappter Ressourcen, wie ihn zum Beispiel eine Tierart erleidet, die aufgrund ungebremster Vermehrung ihre Futtergrundlagen übernutzt, würden wir nicht akzeptieren. Dieser Anspruch führt zu einer Sonderstellung des Menschen.
TR: Der damit seine Umwelt auch "unnatürlich" prägt. Gibt es überhaupt eine echte Renaturierung von Landschaften?
Lange: Im strengen Sinne nicht. Gase und Staub aus Industrie und Verkehr sind überall nachzuweisen. Zudem befördern wir mit dem Aufsuchen immer entlegenerer Winkel der Erde bewusst und unbewusst den Austausch von Arten. Aus der Summe all unserer Einflussnahmen ergibt sich eine ganz besondere Verantwortung.
TR: Was heiĂźt das fĂĽr unsere Nahrungsmittelproduktion?
Lange: Zukunft hat nur eine Landwirtschaft, die Ressourcen sparsam nutzt, fruchtbare Böden sichert, wenig Schadgase emittiert, Kohlenstoff in Humusform im Boden bindet, Gewässer schont und dennoch ihre Erträge optimiert. Der Ökolandbau bietet gute Lösungsansätze, erreicht jedoch in unseren Breiten noch nicht das Ertragsniveau der konventionellen Landwirtschaft. Mehrere Studien zeigen aber auf, dass seine Etablierung gerade in den Ländern des Südens – also dort, wo Hunger herrscht – deutliche Produktionssteigerungen bewirken könnte. (bsc)