Fritz Haber: "Das genau war meine Aufgabe"
Forschergenie oder Kriegsverbrecher? Wissenschaftshistoriker tun sich schwer mit einem Urteil über den hochbegabten Chemiker Fritz Haber.
- Manfred Pietschmann
Forschergenie oder Kriegsverbrecher? Wissenschaftshistoriker tun sich schwer mit einem Urteil über den hochbegabten Chemiker Fritz Haber.
Fritz Haber wird am 9. Dezember 1868 in Breslau als Kind einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. 1886 nimmt er das Chemie-Studium in Berlin auf, wo er fünf Jahre später promoviert. 1893 konvertiert Haber zum protestantischen Glauben, im folgenden Jahr tritt er eine Assistentenstelle in Karlsruhe an und habilitiert sich dort. 1898 erfolgt die Ernennung zum außerordentlichen Professor für Technische Chemie, 1901 heiratet Haber die Chemikerin Clara Immerwahr. Sieben Jahre später findet er ein revolutionäres Verfahren zur Synthese von Ammoniak. 1911 wird Haber zum Leiter des frisch gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie in Berlin berufen.
1914 stellt Haber seine Arbeit der Obersten Heeresleitung zur Verfügung; Produktion von Sprengstoffen und Kampfgasen. Im folgenden Jahr überwacht er selbst den ersten deutschen Giftgas-Einsatz; danach erschießt sich seine Frau. 1920 nimmt Haber nachträglich für das Jahr 1918 den Nobelpreis für Chemie entgegen. Nach der Machtübernahme der Nazis weigert sich Haber, jüdische Professoren zu entlassen und erklärt seinen Rücktritt. Am 29. Januar 1934 erliegt Haber entkräftet in Basel einem langjährigen Herzleiden.
Technology Review: Guten Tag, Herr Professor. Haben Sie viele Glückwünsche zu dem Nobelpreis erhalten, der Ihnen vor einigen Tagen rückwirkend für das Jahr 1918 im Fach Chemie verliehen wurde?
Fritz Haber: Jawohl, sehr viele, und zwar von renommierten Personen.
TR: Die meisten Menschen in Europa sähen es lieber, wenn Sie nun, 1920 und ein Jahr nach dem Vertrag von Versailles, als Kriegsverbrecher verurteilt würden.
Haber: Wegen dieser Gasgeschichte? Sie machen sich lächerlich.
TR: Was Sie "Gasgeschichte" nennen, hat Hunderttausende Soldaten das Leben gekostet. Allein 18.000 Franzosen während der Flandernschlacht von Ypern, wo Sie als wissenschaftlicher Einsatzleiter erstmals Chlor als Kampfgas erprobten.
Haber: Das genau war meine Aufgabe als Leiter der Zentralstelle für Chemie des Kriegsministeriums. Ich habe nur meine Pflicht getan. Und es war dazu noch völlig legal.
TR: Nach der Haager Landkriegsordnung von 1907...
Haber: ...ist Giftgas nur als Geschossfüllung verboten. Wir haben aber Gasflaschen benutzt.
TR: Ich verstehe Sie nicht: Aufgrund Ihres industriellen Verfahrens zur Ammoniaksynthese sind Sie eigentlich ein Wohltäter der Menschheit. Sie selbst haben in Ihrem Nobel-Vortrag vor einigen Tagen ausgeführt, dass die Kooperation von Chemie und Landwirtschaft, die durch Ihre Entwicklung möglich wurde, aus Steinen Brot machen wird. Wie konnten Sie da Tausende von Menschen töten?
Haber: Sie reden ja wie der Staudinger...
TR: ...Ihr Zürcher Kollege und ehemaliger Freund, der Ihnen öffentlich vorwarf, dass Sie in eklatanter Weise gegen die besondere Verantwortung für den Frieden verstoßen hätten, der Sie als Naturwissenschaftler und Chemiker verpflichtet seien.
Haber: Dieser naive Pazifist kann mir nur leidtun. Im Krieg gelten eben andere Gesetze. Da habe ich als Chemiker meinem Vaterland zu dienen.
TR: Indem Sie in Ihrem Institut Giftgase entwickeln – Chlor, Senfgas, Lost – und sie dann "wissenschaftlich" auf dem Schlachtfeld testen? Das hat auch Ihre eigene Frau tief verabscheut. War das der Grund, weshalb sie sich gleich nach Ihrer Rückkehr von Ypern mit Ihrer Dienstwaffe erschoss?
Haber: Was? Wie können Sie es wagen? Der Freitod dieser armen Frau hat nichts mit meiner Arbeit zu tun! Ich breche die Befragung ab, sofort, Schluss – aus!!
TR: Das wäre sehr schade. Bitte bleiben Sie. Die Nachwelt hofft, Ihre Beweggründe zu erfahren.
Haber: Da bedarf es keiner besonderen Motive, sondern nur eines normalen Pflichtgefühls. So wie der Soldat im Felde sein Leben gibt, hat der Wissenschaftler im Labor Kriegsdienst zu leisten. Was ist daran verwerflich, Herrgott noch mal? Das ist bei den Forschern Ihrer Generation doch hoffentlich auch nicht anders.
TR: Doch, ich glaube schon, die Zeiten haben sich gottlob geändert. Aber ob dieser Wandel unumkehrbar ist – da bin ich mir nicht so sicher.
Haber: Armes Deutschland.
TR: Zurück zu Ihnen: Warum hat die Oberste Heeresleitung Kontakt zu Ihnen aufgenommen?
Haber: Wegen des großen Munitionsbedarfs. Man beauftragte mich zunächst damit, auf Basis meiner Ammoniaksynthese Salpetersäure-Fabriken zu errichten, in denen Trinitrotoluol hergestellt werden konnte. Daraus hat sich alles Weitere ergeben.
TR: Wieso gerade Sie, warum nicht Ihr Rivale Walther Nernst?
Haber: Ich hatte durch Carl Bosch, mit dem ich zusammen 1910 das Patent für das Ammoniaksynthese-Verfahren erhielt, viel bessere Kontakte zur Wirtschaft. Bosch ist Vorstand der Badischen Anilin & Soda Fabrik.
TR: Als Sie dann im April 1915 persönlich den Kampfgaseinsatz in Ypern überwachten, rekrutierten Sie Ihre eigenen Kollegen, darunter James Franck, Gustav Hertz und Otto Hahn.
Haber: Sie haben alle freiwillig teilgenommen, obwohl sie direkt im Kampfgebiet die Chlorkonzentration der Luft messen mussten, um die Ausbreitung des Gases zu kontrollieren. Otto Hahn wäre dabei fast vom Feind getötet worden.
TR: Hatten Sie keine Bedenken, die Elite der deutschen Chemieforschung einer solchen Gefahr auszusetzen?
Haber: Warum? Vier Monate zuvor war mein Institutskollege, Professor Otto Sackur, einer Laborexplosion zum Opfer gefallen. Er ist im Dienst fürs Vaterland auf dem Feld der Ehre gefallen. Ich versichere Ihnen, meine Kollegen sind ebenso vaterländisch gesonnen wie ich.
TR: Der Physiker Max Born aber nicht; er lehnte den Giftgaseinsatz als barbarisch ab. Born ist Jude – wie Sie.
Haber: Ich bin getaufter Jude. Aber viel wichtiger ist, dass ich Deutscher bin. Wie die 92 anderen Forscher, Künstler und Schriftsteller, die 1914 den Aufruf an die internationale Kulturwelt richteten.
TR: Jenes sogenannte Manifest der 93, das die deutsche Kriegsführung rechtfertigen sollte und das auch Walther Nernst, Max Planck und Wilhelm Röntgen unterzeichneten.
Haber: Um nur einige zu nennen. In dem Aufruf hat sich die Kulturelite klar und deutlich zu Deutschland bekannt. Born und Staudinger sind für mich bestenfalls irregeleitete Humanisten.
TR: Genützt hat es nichts. Die ganze Welt zeigt jetzt mit dem Finger auf Deutschland. Offengestanden wundert es mich, dass man ausgerechnet Ihnen den Nobelpreis verliehen hat.
Haber: Nicht nur mir. Außerdem auch zwei weiteren deutschen Wissenschaftlern, Max Planck und Johannes Stark. Ganz offenkundig ist dem Nobelpreiskomitee bewusst, wie sehr zu Unrecht man Deutschland gedemütigt hat.
TR: Andererseits geht das Gerücht, die Siegermächte forderten Ihre Auslieferung. Glauben Sie, dass Sie bald vor Gericht stehen werden?
Haber: Ich weiß es nicht; aber selbst wenn – ich habe mir absolut nichts vorzuwerfen.
TR: Wenn es Sie beruhigt – eine Auslieferungsliste, auf der Ihr Name steht, wird niemals auftauchen, Sie werden nicht angeklagt. Die Nachwelt wird Sie als einen der Väter des Kunstdüngers feiern, dem sie die produktive Landwirtschaft verdankt. Ihre unrühmliche Rolle im Ersten Weltkrieg wird dagegen vergessen sein. (mpi)