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Kein Quake für i-Dötzchen

Der Spiele-Markt expandiert dank der Zielgruppenerweiterung – auch nach unten: Neben „Hirn-Jogging“-Rentnern sollen Kindergartenkinder mit PC-Maus und Wiimote hantieren.

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Von
  • Peter Kusenberg

Kaum können sie laufen, schon klicken sie: Bereits am Fachbesuchertag strömt ein gutes Dutzend Kindergartenkinder durch die Halle 5, wo Hersteller und Fachverbände das umfangreiche Programm der "GC Family" vorstellen. Die Branche ist daran interessiert, Drei-, Vier- und Fünfjährige für das Medium zu begeistern. Pädagogen, Medienwissenschaftler und Kinderschutzverbände haben mittlerweile erkannt, dass "Computerspiele vielleicht zum Kulturbereich gehören, dass sie dann Kunstfreiheit genießen müssen, die im Grundgesetz garantiert wird“, wie es der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, in einer Podiumsdiskussion auf der GC Family formuliert.

Die Frage nach der qualitativen Einordnung digitaler Unterhaltung in den Kulturbetrieb ist existentiell für die Hersteller von Kinder-Software. Denn wenn Spiele der Literatur, dem Film und anderen etablierten Medien gleichgestellt werden, lassen sich Kinder-Spiele bedenkenlos im Schul-Unterricht, im Kindergarten oder im Elternhaus einsetzen – sofern die Kommissionen der Landesmedienanstalten und andere staatliche und halbstaatliche Fachverbände dem Vertrieb und Einsatz zustimmen.

Kinderschutzbund, die Familienministerien der Länder und der Kulturrat haben erst nach jahrelangem Ringen einen Zugang zum Thema gefunden: "Wir führten diese Debatte teilweise unter der Gürtellinie. Jetzt haben wir uns zivilisiert und einen guten Weg gefunden, mit dem Thema Computerspiele umzugehen“, sagte Zimmermann. „Der Deutsche Kulturverband hat sich vorgenommen, sich mit dem Thema in Zukunft intensiv zu beschäftigen, wir vereinnahmen den Bereich, denn er ist ein Teil der Kultur“, sagte er.

Laura lässt es klicken

Solche Töne hören die Hersteller der Spiele gerne. Terzio, DTP, Tivola und die Frankfurter MultiMediaManufaktur produzieren Spiele für Kinder aller Altersgruppen. Die meisten Hersteller von Kinder-Software arbeiten dabei mit Lizenzen großer Fernsehsender und Buchverlage. Die MultiMediaManufaktur (MMM) etwa setzt Titel des umsatzstarken Baumhausverlags um. „Die Buchtitel sind bekannt und werden von Pädagogen geschätzt, wir halten uns bei der Versoftung streng an die Vorgaben des Buchverlags“, sagt MMM-Geschäftsführer Christoph Weidner im Gespräch auf dem Stand des Herstellers. Weidner brüstet sich damit, sein Unternehmen sei „das Kika der Software-Hersteller“, wobei er auf das gute Renommee verweist, das der TV-Sender Kika gegenüber etwa dem wilden Privatsender Super RTL bei Lehrern und Eltern genießt.

Der neueste Clou von MMM sind Spiele, die in einer Metall-Box an den Handel ausgeliefert werden, wobei sich Hörbücher als Zugabe darin befinden oder ein LED-Sticker wie im jüngsten „Laura“-Spiel. In naher Zukunft soll es gar eine Box mit einer kleinen PC-Maus für Kinderhände geben. „Die Spiele für jüngere Kinder, also für Vor- und Grundschüler, werden in Macromedia Director programmiert. Das ist günstig und hat den Vorteil, dass sie auf fast jedem noch so alten Rechner laufen – und auf Macs“, sagte Weidner.

Die Spiele selbst lassen das Kind Gegenstände suchen, Räume entdecken und einfache Computer-Befehle via Maus ausprobieren. Eine sinnvolle Erfindung ist die „Elternuhr“, die gleich nach der Installation von „Laura geht in die Schule“ oder einem anderen Titel der Serie eingeblendet wird: Hier legen Mutter oder Vater fest, wie lange das Kind spielen darf. Überschreitet das Kind die vorgegebene Zeit, wird das Spiel automatisch beendet und lässt sich daraufhin 30 Minuten lang nicht wieder starten, was praktisch ist für Eltern, die Arbeiten im Haushalt verrichten, während das Kind feststellt, ob eine Kaffeekanne Beine hat oder nicht.

Schmale Gewinnmargen

„Bei unseren Spielen müssen wir uns schon was einfallen lassen, immerhin ist der Verkaufspreis mit 14,95 Euro niedrig und die Absatzmengen sind selten fünfstellig“, sagte Claudia Hollingshausen, Pressesprecherin des Berliner Traditions-Herstellers Tivola im Gespräch. Der kleine Verlag wagt gerade den Schritt in den Konsolenmarkt und veröffentlicht mehrere Titel für den DS. Den Anfang macht „Prinzessin Lillifee“, der rosafarbene Liebling kleiner Mädchen, bekannt aus Büchern und zahlreichen PC-Titeln. „Das DS-Spiel ist für uns ein Wagnis, die Kosten sind rund drei Mal so hoch wie die eines PC-Titels – und wir wissen gar nicht, ob es so viele Kinder im Vorschulalter gibt, die einen DS besitzen“, sagte Hollingshausen.

Der Spiele-Konzern Ubisoft nimmt die Sache recht sorglos in Angriff. „Cosmic Family“ ist laut Hersteller „das perfekte Spiel für ein Kind, um spielend zu lernen“ – und es erscheint für Nintendos verhältnismäßig neue Konsole Wii. „Mit den Kinderspielen für Wii und DS erreichen wir ganz neue Kunden, und das Interesse ist riesig“, sagte Norman Habakuck, einer der Pressesprecher des französischen Unternehmens.

Bedenken wegen einer Überreizung des Kindes gibt es auf Herstellerseite keine, und selbst die Pädagogen und traditionellen Mahner sehen die Sache mittlerweile gelassen: "Vor ein, zwei Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass diese Runde mit Kinderschutzbund und Pädagogen hier zusammensitzt und über den Nutzen von Spielen debattiert", sagte Olaf Zimmermann. "Doch mittlerweile wird offensichtlich: Bei den Spielen läuft das ähnlich wie bei Fernsehen und Comics, in kurzer Zeit wird sich das Medium etablieren und dann können wir alle miteinander seriös über das Thema sprechen." (Peter Kusenberg) / (hag)