ThemenmolekĂĽl: Hymnen an die Technik

Glasers gesammelte Linkwolke aus der Welt der Wissenschaft und Technologie. Diesmal unter anderem mit Bierblasenmathematik, Ketchup-Speed und Selbstbau-Luftkissenfahrzeugen.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Peter Glaser

Glasers gesammelte Linkwolke aus der Welt der Wissenschaft und Technologie. Diesmal unter anderem mit Bierblasenmathematik, Ketchup-Speed und Selbstbau-Luftkissenfahrzeugen.

Auf meinen Expeditionen durch das Netz finde ich immer wieder bemerkenswerte Informations-Atome, die sich im Lauf der Zeit zu Themenmolekülen verbinden. Gelegentlich möchte ich an dieser Stelle solche Link-Gravitationswolken aus der Welt der fröhlichen Wissenschaft und Technologie vorlegen.

Um 1830 kam in Amerika eine aus Tomaten gefertigte Patentmedizin gegen Durchfall auf den Markt: Dr. Miles Compound Extract of Tomato. Unter der Bezeichnung "Ketchup" gibt es das Tonikum immer noch. Das Wort Ketchup kam wahrscheinlich aus dem Chinesischen in die englische Sprache. Ketchup eignet sich hervorragend, um angelaufenes oder korrodiertes Messing wieder auf Hochglanz zu bringen. Blondem Haar, das durch das Chlor im Schwimmbadwasser einen Grünstich bekommen hat, lässt sich mit Ketchup wieder zur ursprünglichen Pigmentbalance verhelfen. Was die Fortbewegungsfähigkeit von Ketchup bei geneigter Flasche betrifft, liegen realistische Schätzungen bei etwa 24 Kilometer pro Jahr, das entspricht 0,0027 Stundenkilometer oder etwas über 2 Meter pro Stunde. MIT-Ingenieure sind nun dabei, eine Beschichtung zu entwickeln, dank derer sich auch noch der letzte Tropfen Ketchup aus der Flasche quetschen lässt – allerdings müssen sie dazu erst noch einen Weg finden, um die lästige wässrige Schicht loszuwerden, die immer als erster herauskommt.

Eine weitere Art des wissenschaftlichen Herangehens an kulinarisch genutzte Flüssigkeiten: Ein irisches Mathematiker-Team präsentiert eine Erklärung dafür, weshalb Schaumblasen in Starkbier versinken, während das Bier sich nach dem Einschenken beruhigt, obwohl sie leichter als die sie umgebende Flüssigkeit sind. Tip: Es hat mit der Flüssigkeit insgesamt zu tun – und damit, dass die Bläschen in Guiness, um Unterschied zu anderen Bieren, nicht nur aus Kohlensäure sondern auch aus Stickstoff bestehen. Der Stickstoff ist für den etwas weniger bitteren Geschmack, den cremigen, länger haltbaren Schaum und die Bläschen mit verantwortlich, die in dem Bier untertauchen.

Hier gibt es noch eine kleine kommunikationstechnische Spielerei von Guiness: Ein Bierglas mit QR-Code, die allerdings weder lesbar sind, wenn das Glas leer ist, noch wenn es mit einem bernsteinfarbenen Bier gefüllt ist. Nur wenn sich das dunkle, fast schwarze Guiness im Glas befindet, kann der QR-Code gescannt werden: "Er verschickt einen Tweet über dein Bierchen, updatet deinen Facebook-Status, checkt dich via Foursquare ein, lädt Coupons und Promo-Material herunter, lädt deine Freunde ein, mitzumachen und beschenkt dich mit exklusivem Guiness-Content." Mit einem Wort: Ein kleiner Datenschutzalptraum.

Um für seine Kinder ein Luftkissenfahrzeug selber zu bauen, braucht man nicht viel mehr als einen Plastik-Gartenstuhl, einen Laubsauger und einen Duschvorhang – und ab geht's. Wer die Sache kreativ vertiefen möchte, dem sei Scott Robertson, Band 4: "Wie man Hovercrafts und Raumschiffe zeichnet" empfohlen. Hier einige Modelle fliegender Fahrzeuge aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, dazu noch der hochattraktive Prototyp eines Hoover Scooters, gesteuert von einem Herrn im Tweedjackett, in einer Videodarbietung.

Die "Inventions of Note Sheet Music Collection" wurde 1997 an der Lewis Music Library am MIT eingerichtet. In ihr sind Notenblätter von Klavierkompositionen und populärer Musik versammelt, auf denen Technologie porträtiert wird – ob durch den Text oder die Visualisierung auf dem Cover. In der Einleitung heißt es: "Das Hervortreten von Erfindungen wie des Automobils, des Flugzeugs, des Radios oder des Telefons rief eine Vielzahl von Reaktionen in der amerikanischen Gesellschaft hervor, die von Aufregung und Freude hin zu Angst und Verachtung reichten."

Zu der Sammlung gehören 50 Notenblätter, die von "The Bell Telephone Girl" bis zu "The Wireless Man" reichen. Das letztere Stück glänzt mit Zeilen wie "With his brave steady hand / keeps in touch with the land". Es ist reizvoll, darüber nachzudenken, was in heutigen Songs über Videospiele, mobile Wireless-Geräte und Laptops hymnisch hervorgehoben werden könnte. Nicht nur für Studenten der populären Kultur und Technikgeschichte ist die Sammlung eine Fundgrube. (bsc)