Ein chinesischer Ikarus

Die Krise am Photovoltaikmarkt hat jetzt auch Suntech, den größten Solarproduzenten der Welt und eines der Vorzeigeunternehmen Chinas, ins Straucheln gebracht.

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Von
  • Martin LaMonica
  • Narayanan Suresh

Die Krise am Photovoltaikmarkt hat jetzt auch Suntech, den größten Solarproduzenten der Welt und eines der Vorzeigeunternehmen Chinas, ins Straucheln gebracht. Der Konzern steht kurz vor der Insolvenz.

Es war eines der Märchen, wie sie das chinesische Wirtschaftswunder schreibt: Der Bauernsohn Shi Zhengrong geht zum Studieren nach Australien, macht dort seinen Doktor in Solartechnik und gründet, wieder daheim, mit einem Sechs-Millionen-Dollar-Kredit 2001 ein Photovoltaikunternehmen. Zehn Jahre später ist Suntech Weltmarktführer in der Produktion von Solarmodulen. Doch nun kommt das Märchen zu einem unschönen Ende: Shi Zhengrong ist vergangene Woche als CEO zurückgetreten, Suntech selbst steht kurz vor der Insolvenz.

Vom Markt verschwinden wird der Solargigant wohl nicht. Aber seine Entwicklung alarmiert die gesamte Branche. Es scheint, als ließen sich derzeit Solarmodule nicht mehr gewinnbringend verkaufen. In den letzten vier Quartalen hat Suntech durchweg rote Zahlen geschrieben, der Aktienkurs hat sich seit Jahresbeginn mehr als halbiert. Das Unternehmen hat inzwischen Schulden von 2,2 Milliarden Dollar angehäuft. Die seien allerdings entstanden, weil Suntech Opfer massiven Betrugs, unter anderem in europäischen Solarprojekten, geworden sei, heißt es am Firmensitz in Wuxi. Nun soll Shis Nachfolger David King, ein chinesischstämmiger US-Amerikaner, retten, was zu retten ist.

Betrug hin oder her: Der Absturz von Suntech spiegelt die Eigenheiten eines Marktes wieder, die das Unternehmen maßgeblich geprägt hat. Um Skalenerträge und Produktion zu erhöhen und mit billigeren Modulen die Konkurrenz zu unterbieten, nahm Suntech enorme Kredite auf. Doch längst gibt es auf dem Weltmarkt ein Überangebot an Modulen, und Chinas Solarprimus erlöst zu wenig, um rechtzeitig die Kredite zu bedienen.

Suntech hat maßgeblich dazu beigetragen, den Photovoltaikmarkt so zu überhitzen, dass zurzeit selbst die technisch versiertesten Unternehmen Verluste einfahren. Mehr noch: „Selbst wenn Suntech über Nacht verschwinden würde, hätte das keine langfristigen Auswirkungen auf den Markt“, sagt Nathaniel Bullard, Analyst bei Bloomberg New Energy Finance. „Das würde andere Firmen zwar verunsichern, aber nicht ausreichen, um die gegenwärtige Marktdynamik umzulenken.“

Was aus Suntech und anderen verschuldeten chinesischen Herstellern wird, weiß niemand. Suntech könnte seine Ausgaben herunterfahren, um unabhängig zu bleiben, oder sich mit anderen großen Unternehmen zusammentun. Denkbar ist auch, dass eine der staatlichen Banken Chinas dem Konzern finanziell unter die Arme greift und Schulden erlässt. Denn die Solarenergie gehört für die chinesische Regierung zu den strategisch wichtigen Industrien, und Suntech ist eines ihrer  Renommierunternehmen.

Solch ein Schritt würde jedoch den Vorwurf der Konkurrenz untermauern, dass die chinesischen Hersteller ihre Module zu Dumpingpreisen verkaufen und unerlaubte Subventionen beziehen. Ein WTO-Verfahren ist bereits im Gang. „Ein Schuldenerlass würde die Situation verschärfen“, bestätigt Mark Bachman, Analyst bei Avian Securities.

Suntech verkauft den Wechsel an der Unternehmensspitze natürlich als durchdachte Personalrochade. Shi könne sich nun besser auf die Strategieentwicklung konzentrieren, um den Konzern durch einen stürmischen Markt zu navigieren und neue Technologien aus dem Labor marktreif zu machen. Für den Unternehmensgründer dürfte es jedoch eher ein persönlicher Rückschlag sein. Schließlich war es seinem Gespür für Innovation zu verdanken, dass Suntech überhaupt so groß geworden ist.

Bislang galt Shi auch in Finanzfragen als geschickt. 2005 brachte er das Unternehmen an die New Yorker Börse, was Suntech für Investoren interessant machte. Der Vorteil hat sich indes in eine Bürde verwandelt, denn die US-Vorschriften für börsennotierte Firmen verlangen, mehr Finanzdaten offenzulegen, als den Chinesen lieb ist. Dazu muss Suntech mit launischen Anlegern zurechtkommen.

Zwar haben alle groĂźen Solarhersteller aus China Technologien in der Hinterhand, um den Wirkungsgrad von Siliziumzellen schrittweise weiter zu verbessern. StĂĽrzt aber einer der GroĂźen ab, sind dessen potenzielle Innovationen verloren, solange sie kein Konkurrent kauft.

Die Probleme der chinesischen Photovoltaik-Industrie sind in erster Linie wirtschaftliche, nicht technische. Solange das Angebot etwa doppelt so hoch ist wie die Nachfrage, wird sich die Lage nicht entspannen. „Einige Unternehmen müssen vom Markt verschwinden, damit die Branche als Ganzes überleben und profitabel bleiben kann“, sagt Bachman. (nbo)