Tiefergelegte Underdogs
Liegeräder sind eine seltsame Spezies. Ein abgespaltener Zweig am Baum der Evolution des Fahrrads. Ihre Fahrer pflegen eine Underdog-Mentalitä. Um zu verstehen, woher sie kommt, lohnt ein Blick auf die Geschichte.
- Jens Lubbadeh
Liegeräder sind eine seltsame Spezies. Ein abgespaltener Zweig am Baum der Evolution des Fahrrads. Ihre Fahrer pflegen eine Underdog-Mentalitä. Um zu verstehen, woher sie kommt, lohnt ein Blick auf die Geschichte.
Als das Fahrrad, wie wir es heute kennen, Ende des 19. Jahrhunderts seinen Durchbruch erlebte, entstanden nicht lange danach evolutionäre Varianten des Prinzips. Unter anderem auch ein Bauchlieger, den es noch heute gibt, der aber unter den Liegerad-Underdogs nochmals ein Underdog sein dürfte. Wahrscheinlich, weil sein Konzept die menschliche Verdauungsphysiologie allzu sehr ignoriert.
Einige Jahrzehnte lebten Fahrrad und Liegerad friedlich und gleichberechtigt nebeneinander her. Doch wie bei Homo sapiens und Homo neanderthalensis konnte das nicht lange gut gehen. Liegeräder waren schneller und stellten ihre Vettern bei Wettkämpfen in den Schatten. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts bremste die Union Cycliste International, der Internationale Radsport-Verband, die tiefergelegten Flitzer aus, indem sie sie von offiziellen Wettkämpfen ausschloss. Eine Zäsur, von der sich die Liegeradszene nie wieder erholen sollte. In den folgenden Jahrzehnten sank ihre Popularität und die Szene rutschte ab ins Nischendasein, selbst wenn trotzig immer neue Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt wurden. Trotz einer kleinen Renaissance in den 80er, 90er Jahren blieb es dabei – bis heute.
Immer wieder wird die gesundere Fahrposition der Liegeräder gerühmt. Liegen statt sitzen klingt auch erst tatsächlich einmal angenehmer. Trotz alledem sieht die Nackenhaltung von Liegeradfahrern nicht sehr einladend aus. Zugegeben: Die vieler konventioneller Radler auch nicht, vor allem derjenigen, die sich freiwillig in die gekürmmte Mountainbike-Haltung begeben. Dabei ist dieses Problem seit der Einführung von Holland-Rädern längst gelöst.
Anders als die Neandertaler haben sich die Liegeräder aber behauptet. Gut so. Vielfalt tut dem Gen- bzw. Mempool immer gut. Und auch den Schritt in die Zukunft haben sie gemeinsam mit ihren Vettern vollzogen: Es gibt nun auch E-Liegeräder, sogar faltbare. Und ja, natürlich sind sie viel schneller als E-Räder vom Sitztyp.
(jlu)