Generieren Sie den Zufall

Immer mehr Smartphone-Dienste wie Navis und Restaurant-Finder helfen dabei, unser Leben planbar zu machen. Nun soll uns eine neue App-Generation die Freude an Überraschungen wiedergeben. Braucht man sowas?

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Von
  • Veronika Szentpetery-Kessler

Immer mehr Smartphone-Dienste wie Navis und Restaurant-Finder helfen dabei, unser Leben planbar zu machen. Nun soll uns eine neue App-Generation die Freude an Überraschungen wiedergeben.

Hand aufs Herz, wie viele Smartphone-Planungshelfer benutzen Sie? Eine App zum Navigieren, eine für die öffentlichen Verkehrsmittel, eine zum Restaurant finden und dem Führen der To-do-Liste sowieso? Diese Dienste sollen uns dabei helfen, den kürzesten Weg zu finden, effizienter zu sein, nichts mehr zu vergessen. Sie eliminieren Quellen für Unsicherheit und Fehler. Sie eliminieren aber auch so ziemlich alle Quellen für Überraschungen, argumentiert die Autorin Catherine de Lange in ihrem Artikel „Let‘s get lost: Apps that help you wander to happiness“ im Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ (Heft 2879, 25. August 2012).

Sie zitiert eine Reihe von Psychologen, denen zufolge wir einerseits Gewohnheitstiere sind und Altbewährtes lieben. Welche Überraschung. Andererseits mache uns Unsicherheit nichts aus, solange ein positives Ergebnis wie eine Belohnung zu erwarten ist, und nur noch unklar ist, wann man sie bekommt. Mit anderen Worten: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Überraschungen auch Spaß machen können. Das Lustige daran ist, dass sich das de Lange zufolge auch in einer neuen Generation von Apps niederschlägt, die dem Nutzer Überraschungen oder gar leicht verrückten Ideen vorschlagen sollen. Etwas kompliziertere Zufallsgeneratoren also.

Beispiel „Serendipitor“ für Apple-Smartphones (der App-Name stammt vom englischen Wort „serendipity“ ab, was etwa so viel bedeutet wie glücklicher Zufall): Sie geben Ihren Standort ein, das Programmchen schlägt ihnen Spaziergänge mit Überraschungsaufgaben vor – etwa solange im Schatten zu gehen, wie das möglich ist und dann an der nächsten Ecke rechts abzubiegen. Oder dem nächsten roten Auto folgen, dass vorbeikommt, bis man es aus den Augen verliert. Klingt banal und wenig aufregend? Durchaus, zumal sich die Anregungen schnell wiederholen. Aber immerhin kommt man dadurch an ganz neuen Ecken vorbei, was seinen eigenen Reiz hat.

Die App „Getlostbot“ wiederum beobachtet im Hintergrund, welche Restaurants man per „Foursquare“ ansteuert. Sind es immer dieselben, greift die App irgendwann ein und schlägt eins vor, in dem man noch nie war. Wer abenteuerlustiger ist, kann laut de Lange über App-Dienste auch gezielt neue Leute treffen. Blackberrys „Surprise App“ liefert eine unbekannte Software, über die der Hersteller nur verspricht, dass sie wirklich nützlich sei.

Braucht man für all das unbedingt schon wieder ein App, die einem nun auch die Zufallsentscheidungen abnimmt? Nein, sicher nicht. Auf welche Art wir uns überraschen lassen, ist letztlich egal. Aber der Artikel ist eine nette Anregung dafür, sich an ein paar (zumindest halbwegs) analoge Überraschungsgeneratoren zu erinnern. In meinem Fall etwa

  • an den Radiosender Flora in Hannover, der wohltuend unbekannte Musik jenseits der Mainstream-Endloswiederholungen und fremdsprachige Reportagen sendet.
  • das Lebensmittelkisten-Abo, eine zu Studienzeiten bezogene wöchentliche Überraschungspackung mit saisonabhängigen Gemüse- und Obstsorten. Über sie habe ich Bekanntschaft mit Lebensmitteln jenseits meines Erfahrungshorizontes gemacht, etwa mit Mangold und Spitzkohl, und musste dann erstmal das damals noch recht junge Internet konsultieren, was damit kochtechnisch zu tun ist.

Eleanor Roosevelt wird der Spruch zugeschrieben „Geh jeden Tag etwas an, dass Dir Angst macht.“ Ich würde das abwandeln in „Probier‘ jede Woche etwas Neues aus.“ Welche analogen und digitalen Zufallsgeneratoren benutzen Sie? Schreiben Sie uns doch darüber. (vsz)