Bitte dĂĽngen!

Nur eines schwankt in der Agrarwirtschaft noch stärker als die Preise für Lebensmittel: die medialen Berichte darüber. Jetzt, wo die jüngste Welle vorbeigeschwappt ist, bleibt festzustellen: Sie schwappte am wirklichen Problem vorbei.

vorlesen Druckansicht 3 Kommentare lesen
Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Robert Thielicke

Nur eines schwankt in der Agrarwirtschaft noch stärker als die Preise für Lebensmittel: die medialen Berichte darüber. Jetzt, wo die jüngste Welle vorbeigeschwappt ist, bleibt festzustellen: Sie schwappte am wirklichen Problem vorbei.

Als sich Anfang August abzeichnete, dass insbesondere die Getreidepreise ein Rekordhoch ansteuerten, waren die Ursachen schnell ausgemacht: Biosprit und Rohstoffspekulationen. Richtig daran ist, dass es wirklich bessere Verwendungsmöglichkeiten für Nahrungsmittel gibt, als sie in einem Motor zu verbrennen. Falsch an der Analyse ist jedoch, dass sich die Lage an den Agrarrohstoffmärkten auf Dauer entspannen würde, gäbe es beide Geschäftsmodelle fortan nicht mehr. Ökotreibstoff und Banken sind derzeit schlicht ziemlich einfache Gegner. Keiner mag sie.

Dass die Nahrungsmittelpreise ungemütlich stark schwanken und immer häufiger neue Rekordnieveuas erreichen, hat eine viel grundlegender Ursache. Sie liegt nicht in den reichsten Ländern der Erde - sondern in den ärmsten. Das Problem ist auch nicht durch Gentechnik oder andere Hochtechnologien zu lösen - sondern viel simpler: durch Düngung.

Insbesondere Afrika hinkt seit Jahrzehnten in der Nahrungsmittelproduktion hinterher, die grüne Revolution ist dort nahezu ausgefallen. Entsprechend mager sind die Erträge, entsprechend viele Menschen hungern. Früher interessierte das vor allem Entwicklungshelfer, nun aber wird es zum globalen Problem. Denn wer die Welt ernähren will, wer auch in den reicheren Nationen für die nächsten Jahrzehnte bezahlbare Lebensmittel will, braucht höhere Ernten in Afrika. Nur dort sind noch große Ertragssteigerungen möglich. So hatte es mir vor einiger Zeit der Agrarökonom Joachim von Braun gesagt, damals noch Direktor des UN-assoziierten International Food Policy Research Institute IFPRI.

Seitdem hat sich nichts geändert. Im aktuellen Statistikbuch der FAO sind nahezu alle Länder Afrikas bei fast allen angebauten Sorten Schlusslicht. Die Erträge liegen beinahe auf dem Niveau von Wüstenstaaten.

Was fehlt, sind Düngemittel. In einer groß angelegte Analyse aus dem Jahr 2009 stellte Peter Vitousek von der Stanford University fest: „Im Afrika südlich der Sahara reicht der Eintrag von Stickstoff, Phosphor und anderen Pflanzennährstoffen nicht, um die Fruchtbarkeit der Böden aufrecht zu erhalten.“ Die viel beklagten Umweltschäden sieht er nur bei Überdüngung – wie sie beispielsweise in weiten Teilen von China oder auf dem Feldern am Mississippi stattfindet.

Auch ein weiteres Argument gegen den planvollen Einsatz von Düngemitteln hat sich jüngst zerschlagen: Die weltweiten Phosphatreserven sind keineswegs so knapp wie befürchtet. In einer neuen Analyse geht der US Geological Survey (USGS) nun von einer Reichweite von 370 Jahren aus – mehr als eine Vervierfachung des vorherigen Werts. Die Einschätzung teilt auch die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Der Grund sind neue Vorkommen in Tunesien und Marokko.

Natürlich wäre es nicht allein damit getan, jedem afrikanischen Bauern säckeweise Dünger vor die Tür zu stellen. Das Hungerproblem ist zu vielfältig für eine einfache Lösung. Rund 30 Prozent der Welternte sind so schlecht gelagert, dass sie verrotten oder von Ratten gegessen werden. Es fehlen Maschinen. Kriege hindern Landwirte daran, ihre Felder zu bestellen oder Transportunternehmen daran, die Ernte auf den nächsten Markt zu bringen. Aber Düngemittel zur Verfügung zu stellen ist einfacher als Kriege zu beenden. Sie sind kein Wundermittel, wären aber ein wunderbarer Anfang. (jlu)