Virtuell Solidarität tanken

Schweizer Autofahrer haben nun die Wahl: Weiter herkömmliches Benzin und Diesel tanken oder einen neuen, so genannten "Bio&Fair"-Treibstoff.

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Von
  • Tom Sperlich

Den neuen biologisch angebauten Schweizer Biotreibstoff tankt der Kunde zunächst einmal rein virtuell über das Internet. Die Migrol AG, die Mineralölgesellschaft des größten Schweizer Lebensmittelverteilers und Mischkonzerns Migros, hat in einer Kooperation mit der Entwicklungshilfe- und Fair-Handelsorganisation Gebana AG das Produkt kreiert. Es funktioniert so: Der Kunde bucht auf der Website von Gebana mindestens 100 Liter Benzin oder Diesel zu 60 Rappen pro Liter (rund 36 Cent). Migrol ersetzt dann die entsprechende Menge von fossilem Treibstoff durch "Bio&Fair"-Treibstoff.

Der Kunde tankt dann nach wie vor sein Benzin oder Diesel an jeder beliebigen (Migrol-)Tankstelle zum normalen Preis. Der Bio&Fair-Treibstoff wird aus Sojaöl hergestellt, das als Nebenprodukt bei der Verarbeitung von Soja zweiter Qualität anfällt, und stammt von 350 kleinen Familienbetrieben im Südwesten Brasiliens mit einer durchschnittlichen Größe von nur 12 Hektar. Diese Betriebe betreiben eine vielseitige Landwirtschaft und weisen einen großen Anteil von Biodiversitätsflächen auf.

Laut Gebana erhält der Sojabauer durchschnittlich sieben US-Dollar pro Sack Soja mehr – heute sind dies rund 50 Prozent mehr als der konventionelle Sojapreis. Gebana Brasil hilft außerdem bei der Finanzierung des Anbaus und arbeitet direkt mit den Bauern zusammen. Es gebe keinen Zwischenhandel, unterstreicht der Fairhandel-Pionier. Die 60 Rappen Aufpreis sind demnach einerseits ein Solidaritätszuschlag auf den gewöhnlichen Treibstoffpreis, andererseits wird herkömmlicher Treibstoff gegen eine ökologischere Form eingetauscht. Eine durch das schweizerische Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) finanzierte Studie zeigt, dass dieser Treibstoff ökologisch sei und 70 Prozent weniger Treibhausgase verursacht als fossiler Treibstoff. Die Studie ist eine unabhängig erstellte Ökobilanz der Firma Carbotech, welche nach der Methode der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (EMPA) durchgeführt worden sei, heißt es in einer Medienmitteilung.

Ferner sei das Produkt nachhaltiger angebaut als jeder andere untersuchte Biotreibstoff. Die Kleinbauernfamilien roden keinen Urwald, bewässern nicht und verwenden keine synthetischen Dünger und Pestizide für den Anbau ihrer gentechnikfreien Sorten, erläutert Gebana. In einem zweiten Schritt soll die Produktion auf eine in Westafrika wachsende Pflanze ausgeweitet werden. Innerhalb dreier Jahre werde eine Produktionsmenge von 10 Millionen Litern angepeilt.

Der teurere Preis, so die Überlegung von Gebana und Migros, ist vielleicht auch ein Anreiz, sich den Einsatz des Autos gut zu überlegen und damit ein Beitrag zur Problemlösung des steigenden Energiebedarfs. Außerdem, so die Projektpartner, fände einerseits ein wirtschaftlicher Ausgleich statt und andererseits auch ein ökologischer, indem mehr Landwirtschaftsfläche in Entwicklungsländern nachhaltig angebaut wird. Zu den ersten Kunden, die Bio&Fair-Treibstoff tanken, gehört nach Auskunft von Gebana der Schweizer Rückversicherer Swiss Re. (Tom Sperlich / Technology Review) (bsc)