Drei Fragen an George Whitesides

Der Harvard-Chemiker über verschiedene Klassen von Problemen und das besondere Problem von Universitäten und Industrie, die wichtigen Probleme zu lösen.

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Von
  • Conor Myhrvold

George Whitesides hat in seiner langen Forscherkarriere schon viele wissenschaftliche Probleme gelöst. Heute ist der Harvard-Professor, der auch noch den Pharmariesen Genzyme mitgründete, der am häufigsten zitierte lebende Chemiker. Whitesides könnte es ruhig angehen lassen, doch nach wie zerbricht er sich weiter den Kopf über ungelöste Probleme. Technology Review sprach mit ihm darüber, warum gerade drängende Probleme so schwer zu lösen sind und wie eine bessere Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit hierbei helfen könnte.

Technology Review: Welches wissenschaftliche Problem wollten Sie immer lösen, haben es aber bis heute nicht geschafft?

George Whitesides: Die Frage nach dem Ursprung des Lebens. In ihm steckt etwas Eigenartiges, das ich als Chemiker nicht verstehe: Nämlich wie man von einem System zufälliger Chemikalien zu einer gewissermaßen "Darwinschen" Menge an chemischen Reaktionen kommt, die spontan komplizierter werden. Ich verstehe einfach nicht, wie das funktioniert. Das ist ein wissenschaftliches Problem.

Dann gibt es eine zweite Klasse von Problemen, die sich um die Frage drehen, wie man die Forschung an Universitäten so anlegt, dass nachher etwas Reales dabei herauskommt. An dieser Art von Problem arbeiten wir zum Beispiel mit unserer Papier-Diagnostik, die wenig kosten und für alle verfügbar sein soll. Es ist nicht so, dass wir nicht wissen, wie sie funktioniert. Wir haben sie nur noch nicht umgesetzt. In den USA gibt es unglaublich starke Universitäten und eine unglaublich starke Industrie, aber zwischen beiden klafft eine Lücke. Wie man die überbrückt, ist eine eigene, wichtige Problemkategorie. Hier haben wir noch keine Antwort.

Die dritte Klasse von Problemen liegt auf einer lokalen, persönlichen Ebene, nämlich in meiner Betätigung als Lehrer. Die Frage lautet hier: Wie kann ich einzelne Studenten mit dem, was sie tun wollen, so zusammenbringen, dass sie gute Wissenschaftler werden? Was ist dafür nötig?

TR: Welche Probleme werden derzeit vernachlässigt?

Whitesides: Da bin ich etwas leidenschaftslos. Natürlich gibt es viele Probleme wie den Ursprung des Lebens, die Faltung von Proteinen, die Arbeitsweise des menschlichen Geistes, das sind alles intellektuelle Probleme. Dann gibt es andere wie die Frage, wie wir ausreichend sauberes Trinkwasser bereitstellen. Wie speichern wir Energie? Wie bekommen wir die Dinge in ein energetisches Gleichgewicht? Wie legen wir eine wirtschaftliche Basis für die Entwicklungsländer? Wie stehen wir zur globalen Gesundheitsversorgung? Es gibt so viele interessante Probleme, sie werden uns nicht ausgehen.

Häufig zeichnen sich die Probleme, die am wenigsten angepackt worden sind, dadurch aus, dass ihre Lösung wichtig ist, aber nicht so schnell geht oder besonders profitabel ist. Wer kümmert sich dann darum?

Nehmen Sie zum Beispiel Wasser. Es gibt nicht gerade viele Leute, die auf kreative Weise daran arbeiten, neue Quellen von Trinkwasser zu erschließen. Der Grund ist meines Erachtens, dass es nicht viele Ideen zu grundlegend neuen Quellen gibt. In gewisser Weise glauben wir, das Problem schon durchdacht zu haben. All die Gebiete, die sich grundlegend wandeln, zeichnen sich dadurch aus, dass sämtliche Beteiligten sich schon den Kopf zerbrochen, aber irgendwie aufgegeben hatten – bis jemand mit einem ganz neuen Ansatz kam. Und den brauchen wir beim Trinkwasser definitiv.

TR: Welche Anreizstruktur außer der Aussicht auf Profit könnte Forscher dazu bewegen, einige dieser wichtigen Probleme anzupacken?

Whitesides: Man könnte sich durchaus andere Strukturen vorstellen. Allerdings entwickelt jedes Anreizsystem eine Eigendynamik, so dass man nur schwer sagen, was am Ende dabei herauskommt. Universitäten sollen ja Anreize setzen, für Kreativität, gute Lehre und intellektuellen Wagemut, wider die Konventionen. Unternehmen sind hingegen gesetzlich verpflichtet, Gewinn zu machen: Anleger haben Geld investiert und erwarten, dass die Unternehmen ihnen mehr Geld zurückzahlen.

Kann man eine Struktur finden, die all das zusammenbringt und ein gesellschaftlich wĂĽnschenwertes Ziel ganz sicher erreicht? WĂĽrden wir ĂĽberhaupt erkennen, was ein gesellschaftlich wĂĽnschenswertes Ziel ist, wenn wir es vor Augen haben? Ich bin nicht gescheit genug, um hierauf eine Antwort zu geben.

Es ist aber keine schlechte Idee, dass die Leute, die Forschungsgelder annehmen, auch erklären können, was sie da eigentlich in ihrer Forschungsarbeit machen. Ich finde es völlig vernünftig, dass an öffentlich finanzierte Forschung eine Messlatte angelegt wird in der Art „Ich mache das aus diesem Grund, und am könnte das hier als nützliches Ergebnis herauskommen“. Das kommt auch der Wissenschaft zugute. Denn in der akademischen Forschung landet man leicht bei Projekten, die nur geringfügige Erweiterungen von längst bekanntem Stoff sind. Das ist eigentlich Zeitverschwendung. (nbo)