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IBM-Manager: Unterhaltungselektronik-Markt steht Umwälzung bevor

George Bailey, der bei IBM den weltweiten Elektronik-Bereich führt, sieht den europäischen Elektronikmarkt unter Druck durch junge Unternehmen aus China.

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  • dpa

Auf der IFA in Berlin tummeln sich die Besucher vor allem an den glänzenden Ständen der bekannten Elektronik-Konzerne. In Halle 25 dagegen, in der viele chinesische Unternehmen zu finden sind, bleibt der Besucherfluss eher überschaubar. Doch glaubt man IBM-Manager George Bailey, könnte sich das in ein Paar Jahren grundlegend ändern. Bereits in den kommenden zwölf Monaten würden junge, aggressive chinesische Wettbewerber verstärkt auch auf die etablierten Märkte zum Beispiel in Europa vordringen, und die Platzhirsche schwer unter Druck setzen, glaubt er. Bailey muss es wissen: Bei IBM führt er den vier Milliarden Dollar schweren Elektronik-Bereich, der Unternehmen der Branche berät.

Dabei geht es nicht mehr um das Segment "Niedriger Preis, schlechte Qualität". Die chinesischen Firmen, die jahrelang verlängerte Werkbank der Elektronik-Riesen waren, und in der Öffentlichkeit noch oft als billige Nachahmer wahrgenommen werden, haben Know-how und Geld angesammelt und wollen auf eigene Faust hoch hinaus. Der IBM-Manager traut den Chinesen zu, möglicherweise schneller die relevanten Innovationen begreifen und umsetzen zu können als etablierte Riesen-Konzerne. Kleinere Unternehmen hätten kürzere Entscheidungswege und nicht so viele Neinsager – das könne sich gerade bei den schnellen Entwicklungszyklen in der Elektronik als entscheidend erweisen.

Der Verbraucher werde von dieser Entwicklung profitieren, traditionelle Hersteller würden damit aber verstärkt unter Druck geraten, sagte Bailey. "Die Markenbindung der Verbraucher ist nicht mehr so stark wie früher. Sie schauen, wer bringt die beste Leistung zum besten Preis." Daher müssten sich vor allem europäische Unternehmen schnell verändern: "Sonst werden sie von den neuen Wettbewerbern überrascht." Dazu gehöre als erstes, die Produktion global auszurichten, um die Kosten zu senken. Außerdem seien die Unternehmen auf Partnerschaften angewiesen. "Niemand kann heute den Fortschritt alleine vorantreiben." Zum Beispiel hätte selbst ein so großes Unternehmen wie IBM nicht im Alleingang eine neue Prozessorgeneration entwickeln können. "Ein Merkmal der heutigen Zeit ist, dass selbst Rivalen miteinander kooperieren."

Und schließlich müssten die Hersteller neue Wege beim Vertrieb gehen. "Die klassische Kette ist: Man entwickelt, produziert und lässt eine Menge Geld in den Vertriebsstrukturen." Das könnten sich die Unternehmen im heutigen harten Wettbewerb nicht mehr leisten. Ein wegweisendes Beispiel sei, wie Apple seine Produkte wie den iPod-Player und das iPhone-Handy vermarktet. Auch neue, direkte Internet-Vertriebswege wie die Online-Plattform Second Life würden an Bedeutung gewinnen. "Wir stehen da einfach noch ganz am Anfang der Entwicklung."

Die Globalisierung der Elektronik-Branche bedeute nicht, dass kleine Traditionsunternehmen aus Europa keine Chance mehr hätten, betonte Bailey. "Sie haben den Vorteil, dass sie ihren Kunden wie niemand sonst kennen. Sie wissen, welche Autos er mag, welchen Wein er trinkt, was ihm gefällt und was nicht. Wenn sie davon profitieren können, haben sie sehr wohl Zukunftschancen." Zudem kann der Erfolg chinesischer Unternehmen als Zulieferer ihnen das Leben schwer machen: "Wir verkaufen unsere eigene Marke nicht in Europa, weil unsere Kunden, denen wir Teile liefern, dann unzufrieden wären", heißt es zum Beispiel beim drittgrößten chinesischen Fernseher-Hersteller Skyworth. In China verkaufte die Firma im vergangenen Jahr neun Millionen Fernseher, etwa das Doppelte des gesamten deutschen Marktes – hauptsächlich allerdings Röhrengeräte.

Ein sehr wichtiges Verkaufsargument werde in Zukunft der Umweltschutz werden, glaubt der IBM-Manager. Die Konsumenten würden künftig verstärkt auf den Stromverbrauch achten und darauf, dass in den Geräten weniger Umweltgifte verwendet werden.

Insgesamt gehe die Industrie davon weg, sich um technische Innovationen zu drehen, sondern konzentriere sich viel stärker auf die Bedürfnisse der Verbraucher. Und da sehe er noch ein großes Defizit bei den Unternehmen, sagte Bailey. Während die Kaufentscheidungen bei der Heimelektronik immer mehr auch von den Frauen getroffen würden, hätten die Konzerne nur wenige Frauen in den Führungsetagen. (dpa) / (hos)