Durchwurschteln, die bessere Unternehmensstrategie?

Die Zeiten werden wieder schwieriger und damit auch die Planbarkeit, und es wird nicht mehr lange dauern, da wird man aus dem Mund von Vorständen und Geschäftsführern wieder den Satz hören, sie würden "auf Sicht fliegen". Man kann dazu auch "Durchwurschteln" sagen. Eine neue Managementmethode behauptet, dies sei ohnehin die bessere Strategie.

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Von
  • Damian Sicking

Neuer Comparex-Chef Hansjörg Egger

(Bild: Comparex)

Lieber frisch gebackener Comparex-Chef Hansjörg Egger,

also zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Beförderung und alles Gute bei der Bewältigung der neuen Aufgabe. Aber mal Hand aufs Herz, lieber Herr Egger: War der Wechsel an der Spitze von Comparex wirklich so von langer Hand geplant, wie in der Presserklärung behauptet wird? Ich habe jedenfalls in meinen Unterlagen keine entsprechenden Hinweise gefunden. Vielleicht mehr so eine Art Geheimplan?

Apropos Planung. Planung wird ja auch sowieso überschätzt. Darauf habe ich an dieser Stelle schon einmal hingewiesen. Es kommt bekanntlich sowieso erstens anders als man zweitens denkt (volkstümliche Wendung des Satzes "Planung ersetzt den Zufall durch Irrtum"). Genauso überschätzt ist im Übrigen auch die Bedeutung der mit der Planung eng verwandten Strategie. Strategie ist ja im üblichen Wortsinn die Art und Weise – man kann auch sagen: der Weg –, wie man ein bestimmtes, vorher definiertes Ziel erreichen will.

Lieber Herr Egger, ich bin sicher, dass so ein großes und professionelles Unternehmen wie Comparex in Sachen Ziel und Strategie und Planung ein Leuchtturm in der Branche der IT-Dienstleister in Deutschland ist. Sicher ziehen Sie sich mit Ihren Führungskräften ein- oder zweimal im Jahr in ein ruhiges und idyllisch gelegenen Hotel irgendwo am Waldrand oder in der Heide zurück, um unbehelligt von der Alltagshektik mal ganz ausführlich über die Strategie des Unternehmens und auch die Ziele zu – sagen wir mal – diskutieren.

Aber wozu das Ganze? Um nach drei Monaten erkennen zu müssen, dass die ganze Strategie und Planung beim Teufel ist, weil sich die Wirklichkeit einfach nicht an Ihre Planungen hält und sich anders entwickelt als gedacht und gehofft oder befürchtet. Dann müssen Sie wieder neu planen und eine neue Strategie entwickeln. Kennen Sie übrigens den Spruch "Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mache einen Plan"? Aus diesem Grunde gibt es Leute, die behaupten allen Ernstes, dass die beste Strategie darin bestehe, gar keine Strategie zu haben, und der beste Plan der sei, auf jegliche Planung zu verzichten. Diese Radikalinskis bezeichnen ihre Theorie nicht als Hirngespinst, sondern als Managementmethode, der sie den Namen "Effectuation" gegeben haben. In der aufgrund ihrer oft inspirierenden Beiträge von mir hochgeschätzten Zeitschrift "manager-seminare" las ich unter der Überschrift "Planen ohne Plan" kürzlich einen recht interessanten Grundlagenartikel über diese neue Lehre. Darin heißt es, Effectuation basiere nicht wie die klassischen Managementstrategien auf klaren Vorgaben, sorgfältig ausgearbeiteten Businessplänen und festen Budgets, sondern "auf Versuch und Irrtum oder geschicktem Durchwurschteln". Wobei es sich hier um eine "saloppe Formulierung" handele, wie die Autorin des Beitrags sich beeilt zu versichern.

Ich kann an dieser Stelle nicht ausführlich auf die ganze Sache eingehen – wenn es Sie interessiert, es gibt natürlich auch schon das eine oder das andere Buch dazu und ebenfalls eine bunte Webseite –, aber diese Managementmethode ist mir total sympathisch. Ich meine, wenn doch sowieso das ganze Planen und Ziele setzen sinnlos ist und alles immer wieder vom Zufall über den Haufen geworfen wird, dann können wir uns das ganze Prozedere doch auch schenken, oder nicht? Der Unternehmer, der sich mit dem Effectuation-Virus infiziert hat, der fragt zum Beispiel nicht "Welches Ziel will ich erreichen und was brauche ich dafür?", sondern der fragt sozusagen vom anderen Ende her: "Was habe ich, was kann ich und was kann ich damit erreichen?" Ich finde das sehr überlegenswert. Wenn man so an die Sache herangeht, dann kann doch eigentlich viel weniger schief gehen, oder wie sehen Sie das?

Lieber Herr Egger, zuerst habe ich ja noch gedacht, Effectuation sei eher was für kleine Betriebe und tauge nicht für so große Unternehmungen wie Comparex mit seinen fast 2000 Mitarbeitern. Doch dann wurde mir klar, dass das gar nicht stimmt. Denn wenn selbst große Weltkonzerne in unsicheren Zeiten – und seien wir ehrlich: wir leben doch immer in unsicheren Zeiten – sagen, dass sie "auf Sicht fliegen", dann ist das doch auch nur eine andere Formulierung für "Durchwurschteln". Da geben Sie mir doch sicher recht, oder?

Vielleicht aber ist auch diese ganze Effectuation-Geschichte totaler Müll und ein hirnrissiger Schwachsinn – sozusagen eine Effekt(uation)-Hascherei? – und wir alle sollten lieber die Finger davon lassen. Was meinen Sie?

Beste GrĂĽĂźe!

Damian Sicking

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