(Ideen-)Stau

Da hat mal jemand eine gute Idee, um baubedingten Stau auf Autobahnen zu verhindern - und schon wird wieder nur gemeckert.

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Von
  • Julia Tahedl

Da hat mal jemand eine gute Idee, um baubedingten Stau auf Autobahnen zu verhindern - und schon wird wieder nur gemeckert.

Es ist ruhig geworden um Stuttgart 21. Und auch die Berliner scheinen vorerst besänftigt zu sein. Der Flughafen hat ohnehin kein Geld mehr. Möglicherweise sind die Wutbürger auch gerade im Urlaub – oder haben sich auf dem Weg dorthin auf einer Autobahn-Baustelle fest gekettet. Die Straßeninstandsetzungen auf unseren Autobahnen sind zwar nicht ganz so spektakuläre Ärgernisse wie die großen Projekte, kommen aber meist überraschend und hindern uns unmittelbar daran, ans Ziel zu kommen.

Zu jeder Zeit wird irgendwo in Deutschland eine Straße erneuert. Regelmäßig erfassen spezielle Messfahrzeuge den Zustand der Asphalt- oder Betonfahrbahnen und komplizierte Algorithmen erstellen Instandsetzungspläne mit Prioritäten für die nächsten Jahre. Das Budget – im Vergleich zur erneuerungsbedürftigen Fläche – ist dabei stets zu knapp. Die Baubehörden geben aus Angst vor Kürzungen lieber noch den letzten Cent aus. Gut möglich, dass einmal das System überdacht werden sollte. Es ist in Deutschland auch Sitte, dass bei öffentlichen Projekten das wirtschaftlichste Angebot den Zuschlag bekommt. Eigentlich ein guter Grundsatz, leider wird aber „wirtschaftlichstes“ oft mit „billigstes“ verwechselt – ein schmaler Grat. Und das führt dann zum oft zitierten Pfusch am Bau, der wiederum zu erneuten Instandhaltungsmaßnahmen führt. Ein Teufelskreis. Dennoch: Straßen werden über die Jahre geschädigt. Fahrkomfort und Sicherheit erfordern möglichst unbeschädigte Straßen. An einer regelmäßigen Erneuerung kommt man nicht vorbei.

Man könnte auch damit argumentieren, dass in vielen anderen Ländern dringend Straßen gebraucht werden. Es ist noch nicht so lange her, da bin ich mit dem Bus durch Nepal gefahren. Etwa 120 Kilometer von Kathmandu Richtung Norden – im Übrigen die längsten acht Stunden meines Lebens. Da geht es ziemlich schnell hinein in die ursprüngliche Bergwelt des Himalayas. Den schönen Ausblick zu genießen fällt schwer, denn es geht ständig auf und ab, in langgezogenen Kurven außen um Berge herum und entlang an steil abfallenden Klippen ohne Leitplanke. Keine Tunnels, kaum Brücken. Von den nur bedingt funktionsfähigen Bremsen des Busses ganz zu schweigen. Man sieht Männer, die Beton aus Mischern in selbstgezimmerte Holzschalungen schaufeln, um die schlimmsten Schlaglöcher auszubessern.

Dem deutschen Urlauber hilft das bei seinem akuten baustellenbedingten Stauproblem herzlich wenig. Der will meist gar nicht nach Nepal fahren, sondern schlicht nach Italien. Dafür hat er genau zwei Wochen, die er nicht auf der Straße verbringen will. Nebenan übrigens ein holländischer Wohnwagenbesitzer, der im Gegensatz zum deutschen Steuerzahler keine Maut zur Finanzierung dieses Ärgernisses beitragen muss. Da könnte sich doch echt mal einer was einfallen lassen!

Schon passiert. Industriedesign-Student Gosha Galitzky aus Israel setzt auf Hot-In-Place-Recycling für den Straßenbau. Er hat sich ein Gerät ausgedacht, dass sich langsam über den Asphalt schiebt und dabei den alten Belag abbricht, neu mischt und sofort wieder aufbringt. Kennen Sie schon? Nicht ganz: Unten wird die Straße erneuert, oben fahren Autos. Auf der fahrenden Maschine. Ein Baustellen-Drive-Thru sozusagen. Zunächst einmal ist das eine Idee nur für innerstädtische Baustellen. Doch letztendlich könnte das Gerät mit dem einladenden Namen „Dynamic Red Carpet“ eine Spursperrung unnötig machen und damit Staus weniger häufig. Galitzky will der Straßenbau-Industrie neue Impulse liefern, sagt er selbst.

Solche Impulse werden mancherorts durchaus negativ aufgefasst. Der kreative Anstoß für eine verstaubte Branche stößt trotz seines rein hypothetischen Charakters in verschiedenen Foren auf größtmögliche Ablehnung. Es sind vielleicht die gleichen Menschen, die sich in der sommerlichen Blechlawine über gesperrte Fahrbahnen ereifern und nun mit halbwissenden Argumenten wieder mal dagegen sind: Das bringt doch alles nichts, abbremsen muss man da doch trotzdem und schon gibt’s Stau! Wir haben von großen Gigalinern gehört, die bald unsere Straßen verstopfen sollen. Die können da wohl kaum drüber! Hat dieser Typ denn überhaupt nicht nachgedacht? Lächerlicher Versuch.

Wahrscheinlich hätte Galitzky oder ein anderer selbstreparierenden Asphalt erfinden können. Irgendeinen Fehler am Konzept hätten die fest entschlossenen Kritiker auch dann entdeckt. Manchmal hat es den Anschein, dass manche gar keine Verbesserungen wollen. Wäre alles gut, könnte man sich ja schließlich über nichts mehr aufregen. Und was bleibt dann noch?
(jlu)