Die ganze Welt in einer HD-Webcam

Hochauflösende Kameras an Bord der International Space Station sollen ab 2013 ein Echtzeit-Fernsehbild per Internet zugänglich machen.

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Von
  • Hans-Peter SchĂĽler

Das kanadische Startup-Unternehmen UrtheCast (auszusprechen wie EarthCast) will, wie die BBC berichtet, innerhalb der kommenden Monate zwei hochauflösende Videokameras mit einem russischen Proton-Versorgungsschiff zur Internationalen Raumstation ISS transportieren lassen.

Die Kameras mit einer Auflösung von etwa einem Meter sollen mit Blick auf die Erde außenbords an der ISS angebracht werden, die Astronauten seien bereits im Training für dieses Manöver. Anschließend sollen die Geräte Ausschnitte des Anblicks filmen, wie ihn die Insassen der Raumstation genießen. Eine der beiden Kameras soll fest montiert sein, während sich die andere schwenken lassen soll, um zum Beispiel für Fernsehgesellschaften Übertragungen bestimmter Veranstaltungen zu ermöglichen.

Interpretiert man die technischen Angaben der Website zu den Kameras, relativiert sich allerdings die Vorstellung, die Erde "von Pol zu Pol" filmen zu können. Demnach hätte die hochauflösende Bauform dieser Kameras ein Blickfeld von 5 × 3,3 km und könnte 3,25 Bilder pro Sekunde aufnehmen, eine andere Bauform mit "mittlerer Auflösung" hätte ein Blickfeld von etwa 47 km.

Da die ISS ungefähr 15 Erdumrundungen am Tag vollendet, dürfte über kurz oder lang der größte Teil der Erdoberfläche durchs Fernsehbild wandern und soll dann analog zu Webdiensten wie Google Maps mit wählbaren Ausschnitten und Zoomstufen im Browser zu besichtigen sein – aber in Echtzeit. Wann die ISS über welchen Gebieten schwebt, sollen Nutzer des Diensts übers Web abfragen.

Auch wenn die BBC-Autoren von Szenarien wie Hochzeiten und Sportveranstaltungen mit Weltraum-Verfilmung träumen, könnten derlei Pläne immer an einer störenden Bewölkung im kritischen Moment scheitern. Den UrtheCast-Strategen schwebt daher vielmehr der Einsatz zur Überwachung von Stadtentwicklungen oder Pflanzenwachstum auf Ackerflächen vor. Eigenen Aussagen zufolge stehen sie derzeit mit sieben oder acht Unternehmen in Verhandlung, die solche Daten vermarkten. Dennoch sollen die Erdansichten ohne zusätzliche Auswertungen prinzipiell für Jedermann zu empfangen sein; dafür bräuchte man wie bei Google Maps ein Zielgebiet vorzugeben und eine Serverfarm würde das passende Videosignal liefern.

Der größte Teil der Refinanzierung soll offenbar wie bei herkömmlichen Web-Atlanten aus Werbeeinnahmen kommen. Möglicherweise erhalten die Jung-Unternehmer aber auch recht günstige Konditionen von den Raumfahrt-Agenturen. Wie UrtheCast-Chef Scott Larson erläutert, wird das Projekt dafür sorgen, "dass das öffentliche Interesse an der Raumstation zunimmt. Und nach unseren Gesprächen ist das einer der wichtigsten Gewinne, die sie [die Agenturen] aus unserem Tun ziehen wollen." Später ergänzt er noch, "das Ziel ist gar nicht, tonnenweise Geld zu scheffeln. Das Ziel ist, wenigstens plusminus Null herauszukommen". (hps)