Das Ende des goldenen Foto-Zeitalters
Die Photokina setzt den Trend. Und der verspricht nichts Gutes für die Kamerahersteller: Selbst Vollformat-modelle geraten in das Gravitationsfeld der Elektronikindustrie. Die Preise fallen immer schneller.
- Martin Kölling
Die Photokina setzt den Trend. Und der verspricht nichts Gutes für die Kamerahersteller: Selbst Vollformat-modelle geraten in das Gravitationsfeld der Elektronikindustrie. Die Preise fallen immer schneller.
Der mutigste Produktvorschlag auf der Photokina kam für mich von Hasselblad. Der Mittelformatspezialist will mit einem Luxusprodukt in das Hype-Segment des Kameramarkts einsteigen: in spiegellose Kameras mit Wechselobjektiven. 5000 Euro soll das Gerät kosten. Ganz offensichtlich hofft das Unternehmen, Leicas Beispiel zu wiederholen. Die Deutschen haben es geschafft, ihre Marke als das Non-Plus-Ultra in Sachen Bildqualität im Digitalzeitalter ins fast Absurde zu überhöhen und können nun für vergleichsweise funktionsarme Kameras Überpreise verlangen. So weit so gut. Aber bitte schön, wer hat sich Hasselblads Strategie im Detail ausgedacht?
Während Leicas Ruf besonders in der messbaren Spitzenqualität seiner Objektive begründet liegt, wirft Hasselblad nichts eigenes in die Markenwaagschale als seinen Namen, edle Materialien fürs Gehäuse und einen goldenen Auslöser. Die Kameratechnik bis hin zum Objektivanschluss stammt von Sony. Genauer gesagt nimmt Hasselblad eine NEX-7 mit 24 Megapixel-Sensor und motzt sie auf. Hasselblad hat nicht einmal eigene Objektive. Das Unternehmen mag auf Scheichs und neureiche Asiaten setzen. Aber ich befürchte, dass dieser Ausflug ins wenig innovative Luxussegment genauso kurzlebig wie der anderer Hersteller sein wird, die im Zweifel über deutlich dickere Marketing-Muskeln verfügten. Erinnert sich noch jemand an die Sonys Edelmarke Qualia oder ihr Kameraprodukt Qualia 016?
Ok, mag man meinen. Das war ja auch nur eine Kompaktkamera mit zwei Megapixel Auflösung. Dennoch: Inzwischen sind die System-Kameras das geworden, was die Kompaktknipsen vor sieben Jahren waren: fast austauschbare Massenprodukte. Während der Wettkampf bei Kompaktknipsen bereits die Gewinnmargen ruiniert hat, ist nun auch im Einstiegssegment kaum mehr Geld zu verdienen, haben mir übereinstimmend mehrere Manager von Kameraherstellern versichert. Einzig im mittleren und oberen Segment gibt es noch solide Margen. Aber sie schrumpfen auch hier. "Das Geschäft ist nicht mehr so profitabel wie es früher war", sagte vorige Woche der Marketing-Chef von Sonys Kamerasparte, Yoshiyuki Nogami.
Sogar das letzte Naturschutzgebiet hochprofitabler Produkte ist nun in Gefahr: die Vollformat-Sensor-Kameras (ich mag den Begriff nicht, aber da er sich etabliert hat, nutze ich ihn). Nikon und Canon schicken Voll-Format-Spiegelreflexkameras mit Preisen um 2000 Euro (fürs Gehäuse) ins Rennen. Sony hat eine "Kompaktkamera" mit Voll-Format-Sensor und fest installiertem 35-Millimeter-Weitwinkel-Objektiv, die RX1, auf den Markt gebracht, die für unter 3000 Euro angeboten wird. Diese Vorstöße werden zum einen zu Lasten der APS-C-Spiegelreflexkameras gehen, glauben die Kameraexperten. Denn die werden nun gleich von zwei Seiten in die Zange genommen. Von oben durch die Vollformat-Kameras und von unten durch die Spiegellosen. Zum anderen geht es den Profitspannen an den Leib. Daher befürchte ich, dass es auch für die Übermarke Leica schwieriger werden wird, ihr schwereloses Preisniveau noch lange zu halten. Denn wird die bisher sündhaft teure und damit elitäre "Vollformat-Fotografie" nun erschwinglich, quasi demokratisiert, steigt nicht nur der Preisunterschied zwischen tollen und nun preiswerteren Vollformat-Kameras und Leicas an, sondern auch Leicas Erklärungsbedarf. Warum, bitte sehr, soll jemand für eine Leica so viel mehr für immer geringere Unterschiede bezahlen?
Schon jetzt steigen die Kamerabewerter auf die Ebene des einzelnen Pixels herab oder in die Höhen von Lichtempfindlichkeiten um über 3200 ISO hinauf, um noch deutliche Unterschiede zwischen MicroFourThirds-, APS-C- und Vollformatsensoren auszumachen. Im wirklichen Leben mit Fotos bei Tageslicht und Printgrößen von bis zu A3 (und bitte schön, wie viele Hobbyfotografen drucken dermaßen groß) würde mich mal interessieren, wer sich noch zutraut, einen entscheidenden Qualitätsunterschied festzustellen. Wenn Hobbyfotografen mit hohem Anspruch an Gestaltungsmöglichkeiten wie geringe Tiefenschärfe ihre Wünsche weitaus billiger und teilweise besser als bei Leica befriedigen können, könnte mit der Zeit auch Leica ins Gravitationsfeld der Elektronikindustrie geraten. Und in dem gibt es für Preise nur eine Richtung: Sie fallen.
Und nicht nur das. Auch die Innovationszyklen schrumpfen. Die Hersteller müssen neue Spitzentechnik nun schon fast im Jahrestakt vorlegen, um ihre Kundschaft noch zu begeistern. Und die Hype-Zyklen sind sogar noch kürzer, erzählt Sony-Manager Nogami. "Der Höhepunkt des Verkaufs hat sich auf die Anfangsphase eines Produkts verschoben und bröckelt rascher als früher ab", sagt er. "Das liegt in der Natur digitaler Produkte." Der Sony-Mann und seine Kollegen grübeln darüber nach, wie sie in Zukunft die Margen hoch halten können. Aber nur die Zukunft wird zeigen, ob der Kameraindustrie der Ausstoß neuer Ideen reicht, um die Geräte aus dem Gravitationsfeld anderer digitaler Produkte zu beschleunigen. (bsc)