Historisches Gespräch: "Meine Entdeckungen sind ungleich wichtiger"
Er entdeckte das Prinzip der Immunisierung und fand ein Heilmittel gegen Syphilis. Seine Erkenntnisse zu Geld machten allerdings andere als der Immunmediziner Paul Ehrlich.
- Robert Thielicke
Er entdeckte das Prinzip der Immunisierung und fand ein Heilmittel gegen Syphilis. Seine Erkenntnisse zu Geld machten allerdings andere als der Immunmediziner Paul Ehrlich.
Paul Ehrlich kommt am 14. März 1854 in Schlesien zur Welt. VOn 1872 bis 1878 studiert er Medizin in Breslau, Straßburg und Freiburg. 1878 bis 1887 ist er Assistenz- und Oberarzt an der Berliner Charité. 1883 heiratet er Hedwig Pinkus. Aus der Ehe gehen zwei Töchter hervor. 1888/89 erkrankt Ehrlich an Lungentuberkulose und nimmt einen Kuraufenthalt in Ägypten. 1896 wird er Leiter des Instituts für Serumforschung und Serumprüfung, Vorgänger des heutigen Paul-Ehrlich-Instituts. 14 Jahre später gibt er zusammen mit Sahachiro Hata die Entdeckung des Salvarsan bekannt, einem Medikament gegen Syphilis. 1908 wird ihm gemeinsam mit Elie Metchnikoff der Nobelpreises für Medizin verliehen. Am 20. August 1915 stirbt Paul Ehrlich in Bad Homburg.
Paul Ehrlich: Was tun Sie hier? Leiden Sie unter Syphilis?
Technology Review: Nein, nein.
Ehrlich: Dann vielleicht an Diphtherie?
TR: Um Gottes willen! Ich brauche keine medizinische Hilfe. Ich will mit Ihnen ĂĽber Emil von Behring sprechen. Er hat mit Ihrer Hilfe das weltweit erste Mittel gegen Diphtherie entwickelt. Nun streiten sie sich vor allem.
Ehrlich: Ha. Ich werde immer ganz ärgerlich, wenn ich an die Geschicklichkeit denke, mit der Behring meine wissenschaftliche Beteiligung an dem Arzneimittel verhüllt hat. Dabei hat er den Erfolg nur mir zu verdanken, insbesondere seinen großen materiellen Gewinn.
Die Revanche ist dann auch nicht ausgeblieben. Nach unserer Trennung ist er nicht weit gekommen. Seine Therapieversuche bei Pest, Cholera, Streptokokken – nur Hypothesen gewagter Art und pseudo-exakte Zahlenspielereien.
TR: Jetzt ĂĽbertreiben Sie. Hatte nicht vor allem er die Idee zu dem Serum und konnte erste Heilungserfolge erzielen? DafĂĽr bekam er schlieĂźlich 1901 den Nobelpreis und einen Adelstitel obendrauf...
Ehrlich: Und ich bekam den Nobelpreis sieben Jahre später für meine grundlegenden Erkenntnisse zur Immunabwehr. Den Adelstitel verlieh man mir nur deshalb nicht, weil ich nicht vom jüdischen zum christlichen Glauben übertreten wollte. Aber glauben Sie mir: Meine Entdeckungen sind für die Medizin ungleich wichtiger als jene des Herrn von Behring.
TR: Zum Beispiel?
Ehrlich: Ich habe schon früh daran gearbeitet, wie sich Gewebe des Körpers spezifisch anfärben lassen. Während meiner Doktorarbeit entdeckte ich auf diese Weise einen neuen Zelltyp, die sogenannte Mastzelle. Viele weitere Immunzellen folgten. Ich entdeckte zudem, dass Versuchstiere sich immunisieren lassen. Ich hatte ihnen schädliche Pflanzenstoffe injiziert – und die Dosis Schritt für Schritt erhöht. Nach ein paar Durchgängen zeigten die Tiere keine Symptome mehr. Das war ein Durchbruch.
TR: Aus heutiger Sicht kann ich Ihnen verraten: Die Impfung gehört zu den größten medizinischen Fortschritten.
Ehrlich: Da sehen Sie es!
TR: Andererseits: Das Prinzip hatte auch Behring 1890 bei seinen Diphtherie-Studien entdeckt.
Ehrlich: Jetzt reiten Sie nicht so darauf herum. Behring kurierte mit seinem Heilserum zwar ein paar Menschen. Aber sein Mittel taugte nicht viel. Es war unvorhersehbar, ob es half. Wie sich zeigte, schwankte die Menge an Wirkstoff zu stark. Erst ich habe es geschafft, die Menge an Gegengift im Heilserum verlässlich zu bestimmen.
TR: Er hat Sie dann ja auch als Direktor des staatlichen Instituts fĂĽr Serumforschung und SerumprĂĽfung durchgesetzt.
Ehrlich: Behring hoffte doch vor allem, ich würde für ein lächerliches Gehalt seine Arzneien besonders freundlich beurteilen – während ihm die neuen Entdeckungen und Millionen zufließen.
TR: Entschuldigen Sie, dass ich unterbreche, aber könnte ich mal lüften? Sie stecken sich ja eine Zigarre nach der anderen an.
Ehrlich: Nun lassen Sie mich doch rauchen. Ich gönne mir ja sonst nicht viel, höchstens einen guten Kriminalroman zur Zerstreuung, am liebsten Sherlock Holmes.
TR: Darf ich nun lĂĽften oder nicht?
Ehrlich: Sie sehen doch selbst, dass sich BĂĽcher auf der Fensterbank stapeln. Reden wir lieber ĂĽber meine Seitenkettentheorie.
TR: Ihre umstrittene...
Ehrlich: Was heißt umstritten? Sie ist die Grundlage der Arzneimitteltherapie. Meine Färbeversuche zeigten ganz klar, dass auf Zellen Strukturen existieren, die gezielt chemische Substanzen binden können. Da diese Strukturen Teile größerer Moleküle sind, nenne ich sie Seitenketten. Meine Theorie besagt, dass diese Seitenketten der Grund dafür sind, dass Bakteriengifte ihre Wirkung entfalten können. Die Toxine bestehen aus einer haptophoren und einer toxophoren Atomgruppe...
TR: Was machen Sie denn? Warum um Himmels willen zeichnen Sie auf das schöne weiße Tischtuch?
Ehrlich: Ich habe das GefĂĽhl, Sie verstehen mich nicht. Also male ich es auf.
TR: Machen Sie das oft?
Ehrlich: Fragen Sie mal meine Frau. Sie ist froh, wenn ich mal kein Tischtuch benutze. Also: Einfach ausgedrückt besagt die Seitenkettentheorie, dass bestimmte Substanzen spezifisch an Zellen binden und sie schädigen können. Das trifft sowohl für körpereigene Gewebe als auch für Krankheitserreger zu. Ich war daher überzeugt, dass sich mit dieser Methode Infektionen und andere Leiden bekämpfen lassen. 1910 bewies ich mit dem Wirkstoff Salvarsan, dass ich recht hatte. Viele, die an Syphilis leiden, können endlich geheilt werden.
TR: Aber sind nicht auch Patienten bei der Behandlung gestorben?
Ehrlich: Leider ja. Mein Traum einer vollkommen zielgenau wirkenden Arznei hat sich nicht erfüllt. Aber die Zahl der Todesfälle haben meine Gegner völlig übertrieben. Sie zählten sogar einen Selbstmord hinzu! Andere kritisierten, Salvarsan befördere den moralischen Verfall, weil es dem Geschlechtsverkehr seine Gefährlichkeit nähme. Ein Schreiberling behauptete sogar, in Frankfurter Krankenhäusern würden Prostituierte als Versuchskaninchen missbraucht.
TR: Haben Sie sich nicht gewehrt?
Ehrlich: Nein, es war so schon schlimm genug. Aber ein Frankfurter Chefarzt wollte die Anschuldigung nicht auf sich sitzen lassen und klagte auf Verleumdung. Ich musste vor Gericht aussagen. Der Schreiberling landete zwar im Gefängnis, aber so ganz erholt habe ich mich noch nicht von diesem Prozess.
TR: Liegt Ihre schlechte Verfassung nicht eher am Zigarrenkonsum? Man hört, Sie leiden unter Kreislaufstörungen und hätten Arteriosklerose.
Ehrlich: Ach was. Ich habe eine robuste Gesundheit. Mein GroĂźvater ist 91, meine Eltern sind ĂĽber 80 Jahre alt geworden. AuĂźerdem habe ich noch viel vor. Krebsleiden lassen mir keine Ruhe. Nach den jetzigen Erkenntnissen mĂĽsste ein Gegenmittel recht leicht zu erhalten sein. (rot)