Was war. Was wird.
"Wieso müssen wir uns alles erklären, wieso brauchen wir Sinn? Genügt es nicht, wenn wir uns lustig nihilistisch im Kreis drehen?" Hal Faber genügt das selbstverliebte Geschreibsel einer Privilegienmuschi jedenfalls nicht.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Klick mich, die Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin" sind draußen, geschrieben von einer sich selbst "Privilegienmuschi" nennenden Frau. Endlich erfahren wir, wie es bei den digital Natives zugeht, und das ist ziemlich seltsam. Das fängt damit an, dass die Autorin selbst im Interview behauptet, "Aber dass es ein riesiger Verlag war, der mir das Angebot für mein Buch gemacht hat, war anfangs schon ein Problem für mich. Ich hatte auch Anfragen von politisch korrekteren Verlagen, aber schließlich war es meine Lektorin, die mich überzeugt hat. Es ging mir immer nur um den Text, nicht um das Geld." Lassen wir mal die 100.000 Tacken beiseite, das reicht für Angriffe von Verschwörungstheoretikern und für lustige Leserschlachten nach einer kleinen Sachstandsmeldung.
Nüchtern gelesen steht fest, dass dieses seltsame Buch unmöglich eine Lektorin gesehen haben kann. Alternative Lesart wäre, dass diese Lektorin monatelang mit Beruhigungsschnäpsen außer Gefecht gesetzt wurde. Das fängt beim Vorwort an, das abseits aller Takedowns jeder lesen kann, kommentiert von "Mortensen". Hier nimmt das Unglück seinen Lauf. Schon der erste Satz ist falsch: "Mein Name ist Julia und ich lebe im Internet." Hat etwa die technologische Singularität stattgefunden, ab der sich das Gehirn online materialisieren kann? Aber nein, Frau PM lebt im hier und jetzt, im Bundesvorstand der Piraten und nutzt die 100.000 Tacken, um Parteiarbeit machen zu können: "Aber wäre ich nicht in der finanziellen Situation, hätte ich gar nicht für den Bundesvorstand kandidiert. Ich kann der Partei jetzt meine Arbeitszeit zur Verfügung stellen."
Im Vorwort geht es weiter so: "Dank einer kostenlosen StandÂleitung meines Vaters, die damals jedoch nur benutzt werden konnte, wenn niemand telefonierte, begriff ich den Computer und das Internet bald als idealen Ort fĂĽr meine Neugier und meine Ideen, auch wenn die Ladezeiten mich trotz privilegierter Stellung (immerhin bleiben mir AOL-CDs erspart!) zu Beginn in den Wahnsinn trieben." Die Privilegienmuschi hatte auch beim Online-Zugriff eine privilegierte Stellung. Wäre dieses WWWW ein Sommerrätsel, könnten wir mal raten was eine "Standleitung" ist, die zusammenbricht, wenn telefoniert wird. In priviliegierter Stellung wurden ihr AOL-CDs erspart? GlĂĽcklicherweise hat das Buch ein Glossar und das erklärt AOL-CDs so: "Ende der 1990er bot AOL Internetzugang ĂĽber CD an". Internetzugang ĂĽber CD, soso. Wir lernen: Die digital Natives haben von Technik absolut keine Ahnung, sind aber schwer glĂĽcklich mit der von ihnen nicht verstandenen Technik.
"Ich bin 1985 geboren, 1982 hatte das Time Magazine den Computer zum »Man of the Year« ernannt." Die Lektorin ist weiter im Tiefschlaf, es wird geschrammelt, dass sich die Balken biegen und die Leser jeden Mist lesen dürfen. Natürlich war es Anfang 1983, als das Time Magazine den Computer krönte und zwar als Machine of the Year. Das macht schon einen Unterschied, dass 1983 der Computer nicht vermenschlicht wurde, nur für digital Natives nicht. Ein schlichtes googeln hätte den Patzer vermieden. Diese Wurschtigkeit im Buch ist darum ärgerlich, weil es von Leuten gekauft wird, die den Protest gegen Netzsperren und Staatstrojaner verstehen wollen, die Piraten und die besondere Kultur drumherum. Um es mit einer Piratenfrau zu sagen: "Wir werden als Digital Natives bezeichnet, und das Buch wird als Bekenntniswerk einer eben solchen vermarktet, und das bedeutet, dass man als Digital Native vermutlich für einen geistigen Bodendecker gehalten wird. Es ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die für das Internet und die damit entstandene Kultur werben wollen und auf deren Vorzüge hinweisen."
Die Leser werden mit Name Dropping, viel Erinnerungs-Getue und Sonder-Müll abgespeist, wenn es nach einer imaginierten Softporno-Szene heißt: "Es gibt sogar Vibratoren, die über USB und Netz von anderen gesteuert werden können. Telefonsexerweiterungsmaschinen. Auch deshalb sind Sachen wie der Staatstrojaner gefährlich. Sie machen nicht halt vor digitaler Intimität." Die Schnüffelprogramme von Digitask sind gefährlich, weil sie den Vibrator der Privilegienmuschi steuern könnten? Hier kommt das Konzept der Privatsphäre offenbar auf den G-Punkt.
"Wieso müssen wir uns alles erklären, wieso brauchen wir Sinn? Genügt es nicht, wenn wir uns lustig nihilistisch im Kreis drehen? Das Internet ist Abstraktion. Und wie ein riesiger Vorschlaghammer glätten seine Abstraktionen hypermodern die Unebenheiten der Realität. Übrig bleibt nichts. Außer der Angst vor dem Nichts und vor der Bedeutungslosigkeit." Hier könnte man stoppen und die lustigen digitalen Feuchtgebiete verlassen. Nicht jede hat das Talent einer Bettina Wulff, deren Buch von piratigen Bewunderern ins Internet eskortiert wurde. Doch die Geschichte ging weiter in dieser Woche: Aus den kindischen Versen entwickelte sich ein Politikum. Da stellte sich der Bundesvorstand der Piraten mit einer Erklärung schützend vor die Kollegin, die mühelos ihr Plapper-Niveau erreicht: "Statt die ideelle Kraft und Zirkulation von künstlerischen Werken zu fördern, baut die Beziehung zwischen Verwertern und Urhebern nur auf die wirtschaftliche Optimierung des künstlerischen Egos und kennt nur die misstrauische, restriktive Auswertung."
Ideelle Kraft und misstrauische Auswertung, ein Titel wie von John Irving, aber pardon, die Sache mit dem Urheberrecht und dem geistigen Eigentum sieht etwas anders aus. Ein kurzer Anriss findet sich bei Carta. Wie sich die Piraten das Urheberrecht vorstellen, hat der nordrhein-westfälische Landesverband jetzt vorgestellt. Es gab aber auch Entgegnungen anderer Art, etwa von den Piraten in der Piratenpartei, mit der Forderung, dass alle Piraten ordentlich Druck auf den bösen Verlag machen, der die 100.000 für die Parteiarbeit zahlte. Auch nicht schlecht: Ein wehleidiges Pastebin eines Piraten, der einstmals als Buchautor seine "Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt" geschildert hat und von Random House etwas weniger Geld bekam. "Auch wir sind Hoffnungsträger. Hoffnungsträger einer neuen Politik, die Menschen aus ihrer Parteien- und Politikverdrossenheit herausführen kann. Hoffnungsträger für ein Ende von Intransparenz und Korruption. Hoffnungsträger für ein Ende der Zurückgebliebenheit von Politik und ihrer unsäglichen Ignoranz für die Zukunft. Und so sind auch wir Vorboten eines Paradigmenwechsels." Amen. Wir von der Contentmafia sind ganz gerührt und wischen schnell eine Träne weg.
Was wird.
Die gefährlichste Website der Welt? Da war doch was? Ein Dialog auf Ministerebene? Ein Zimmerwechsel? Eine Streiterei über juristische Übersetzungsfehler? Aber nicht doch. Es gibt noch Bretter, die die Welt bedeuten, es gibt die Bühne für den Supernerd. Nächtelang hat eine Autorin den "Internet-Anarchisten" (so nennt ihn die taz) Assange in seinem ecuadorianischen Zimmerchen besucht, Händchen gehalten und Soundbytes mitgeschnitten. Aus dem Material ist ein Theaterstück entstanden, das in der anstehenden Woche Premiere hat. Wenn alles gut läuft, wird Assange per Skype zugeschaltet und tritt virtuell in Hamburg auf, wo er im Jahre 2009 bei der Jahrestagung des Netzwerk Recherche war. Geheimnisvolles Deutschland. Hier verlor Assange bekanntlich bei seiner überstürzten Abreise mit Flug SK2679 aus Schweden sein Gepäck und zwei oder drei Laptops, die er als Gepäck aufgegeben hatte. Vielleicht kommt zum Theaterstück noch ein Film hinzu, in dem das Leben des heldenhaften Julian Assange zart ausgeleuchtet wird. Vielleicht ist er einfach nur ein Widerling.
Am Montag sollte eigentlich die Plakataktion "vermisst" der Initiative Sicherheitspartnerschaft beginnen, die in dieser Wochenschau schon einmal Thema war. Keine Suche mehr nach Hans-Peter oder nach Fatima. Eine Gefährdungsbewertung des Bundeskriminalamt stoppte die Warnkampagne vor "radikalisierungsgefährdeten Jugendlichen". Irgendein Nick Knatterton wird scharfsinnig kombiniert haben, dass diese seltsamen Plakate nur Karikaturen sein können, beim Barte des Propheten. In Zeiten, in denen Facebook die Gesichtserkennung stoppt, wirken die rassisch eindeutig daherkommenden Fahnungsplakate seltsam vorgestrig.
(jo)