Asse ohne Ende
Kein Mensch will ĂĽber einem maroden Atomendlager wie der Asse leben. Ein einflussreicher Atomenergieexperte fordert trotzdem, den MĂĽll dort zu lassen. Leider hat er Recht.
- Robert Thielicke
Kein Mensch will ĂĽber einem maroden Atomendlager wie der Asse leben. Ein einflussreicher Atomenergieexperte fordert trotzdem, den MĂĽll dort zu lassen. Leider hat er Recht.
Als „Mission Impossible“ bezeichnete Michael Sailer, immerhin der Vorsitzender der Entsorgungskommission des Bundes, die Räumung des Atom-Müllplatzes Asse jüngst in einem Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“. Umweltminister Peter Altmaier konterte umgehend: "Ich bin für die Rückholung." Er habe sich über die Aussage Sailers "gewundert". Sie sei im Übrigen nicht neu.
Da immerhin hat Altmaier Recht. Schon im Juni-Heft berichteten wir über den Kampf um die Asse – und Sailers heftiger Kritik an einer Räumung. Unrecht dagegen hat Altmaier mit der Annahme, die „Mission Impossible“ könne gelingen, und wer seine Einlassungen genau anschaut, muss den Eindruck gewinnen, dass diese Tatsache auch ihm schwant: „Ich bin für die Rückholung, wenn sie möglich ist. Und ich werde alles versuchen, damit sie möglich wird." So sei an dieser Stelle festgehalten: Sie ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht möglich.
Die Hindernisse sind zu groß: Erstens ist völlig unklar, wie viele der 126.000 Behälter mit radioaktivem Inhalt überhaupt geborgen werden können – und ob das eindringende Wasser ihren Inhalt nicht ohnehin schon längst herausgespült hat. Die aufwändig geplante Rettungsaktion könnte also nichts weiter als leere Fässer retten.
Es wäre dennoch einen Versuch wert - wenn jemand müsste, wie es zu bewerkstelligen wäre. Denn zweitens ist heute noch völlig unklar, mit welcher Technologie das strahlende Material sich retten und anschließend neu verpacken ließe.
Diese Herausforderung könnte mit einiger Anstrengung zwar in einigen Jahren gelöst sein – wäre da nicht das dritte und wichtigste Gegenargument: Für Bergungsarbeiten läuft die Zeit davon. Jeden Tag dringen 12.000 Liter Wasser in das ehemalige Bergwerk ein, die Stollen könnten schon bald vollständig überflutet sein und einbrechen. Wenn sich die vollständige Bergung der Fässer bis 2036 hinzieht, wie in den Plänen des Bundesamtes für Strahlenschutz vorgesehen, dürfte sich die Bergung erübrigt haben. „Es ist eine Illusion zu glauben, man käme aus dem Problem Asse in einer Weise heraus, die dem planmäßigen Umgang mit Radioaktivität entspricht“, sagte Sailer unserem Autor Tom Schimmeck im Mai bei ihrem Gespräch. Selbst sein Kontrahent Wolfram König, Leiter des Bundesamts für Strahlenschutz, gibt in unserem Artikel zu: „Nach dem jetzigen Kenntnisstand können wir maximal zehn Jahre vorausblicken, was die Standsicherheit und Handhabungssicherheit angeht.“ Daraus folgt für ihn: „Ich bin sehr zurückhaltend, ob es klug ist zu sagen: Wir werden rückholen. Wichtig ist, dass man deutlich macht, dass es einem ernst ist.
Bei so viel Zweifeln, Unwägbarkeiten und Risiken ist es besser, den Atommüll unter Tage zu lassen und die Kammern so zu verschließen, dass möglichst wenig Radioaktivität über das Grundwasser in die Umwelt gelangt. Und zwar sofort. Genau das ist Sailers Vorschlag. Er ist alles andere als gut. Dass er trotzdem der bestmögliche ist, sagt viel über die Zustände in der Asse aus. Dass er politisch nicht durchsetzbar ist, sagt wiederum viel über den gewaltigen Scherbenhaufen aus, den die Politik bei der Atomenergie angerichtet hat. (rot)