IT-Branchenverband: Deutschland fehlen Spitzenkräfte
Nach Ansicht des Branchenverbandes Bitkom müsse die Reform des Bildungssystems forciert werden, da die Zahl der Hochschulabsolventen nicht ausreiche, um mit China und Indien konkurrieren zu können.
Deutschland droht nach Ansicht des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) bei der Ausbildung von Spitzenkräften im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren. Dies zeigten die Absolventenzahlen in den technisch-naturwissenschaftlichen Studienfächern der wichtigsten Industrienationen. "Deutschland wird in einigen Jahren die kritische Masse heller Köpfe fehlen, um Basisinnovationen zu entwickeln und daraus marktfähige Produkte und neue Services zu machen", sagt Walter Raizner, Vizepräsident des Bitkom zum Start des Wintersemesters. Insbesondere die wirtschaftlich aufstrebenden Länder China und Indien würden massiv ihre Ausbildungskapazitäten steigern, um ihre Innovationskraft zu stärken.
In Deutschland seien dagegen die Absolventenzahlen in den technischen Studienfächern in den vergangenen zehn Jahren gesunken. "Unser Land muss eine Strategie entwickeln, um seine internationale Wettbewerbsfähigkeit durch eine intelligente Bildungspolitik zu verbessern", so Raizner. Deutschland ist laut Bitkom traditionell stark in Mathematik und den Naturwissenschaften, die ihren Fokus in der Grundlagenforschung haben. Die meisten anderen Industrieländer bildeten dagegen mehr Ingenieure aus, die stärker anwendungsorientiert arbeiten und wirtschaftlich erfolgreiche Produkte entwickeln würden. In Japan kämen fünf Ingenieure auf einen naturwissenschaftlichen Absolventen, in China 3,5. In Deutschland sei das Verhältnis indes nahezu ausgeglichen. Laut Raizner hat dies zu Folge, dass häufig grundlegende Entdeckungen in Deutschland stattfänden. "Das Geschäft aber machen die anderen", so Raizner.
Aus asiatischen Hochschulen rolle nach Ansicht der Bitkom "eine Welle hoch qualifizierter und hoch motivierter junger Leute auf uns zu". Darauf müsse eine Antwort gefunden werden. Während in Deutschland im Jahr 2004 rund 37.000 Ingenieure die Hochschulen mit einem Abschluss verlassen hätten, seien es in China mehr als 820.000 gewesen. Davon würden derzeit immerhin 30 Prozent international vergleichbares Niveau erreichen. Dieser Anteil wird sich nach Ansicht von Raizner in den kommenden Jahren schrittweise erhöhen, da China massiv in die Ausbildung der jungen Generation investiere. Schon heute betreibe eine wachsende Zahl chinesischer Institute Spitzenforschung.
Ähnlich schätzt der Bitkom die Situation in Indien ein – selbst wenn nicht sämtliche der jährlich mehr als 200.000 Informatik-Absolventen von anerkannten Hochschulen stammen. "Bei der Qualifizierung in der Informationstechnologie hat Deutschland Nachholbedarf. Dies gilt auch dann, wenn man die Abgänger der dualen Ausbildung und der Technikerschulen berücksichtigt", so Raizners Fazit. Dieser Trend werde sich noch verschärfen, da die Absolventenzahlen deutscher Hochschulen in der Informatik in den kommenden Jahren wieder sinken werden – von 17.000 im Jahr 2006 auf rund 14.000 im Jahr 2010.
Die Politik sei daher gefordert, das Hochschulsystem weiter zu reformieren und stärker auf die Anforderungen der Wirtschaft auszurichten. Bildungspolitik müsse ein zentraler Bestandteil der "Hightech-Strategie" der Bundesregierung werden, fordert der Bitkom. In der Informatik müssten gezielt Forschungsschwerpunkte aufgebaut und das Hochschulsystem für private Investitionen attraktiver gemacht werden. Zudem sollte die Einführung von Studiengutscheinen den Wettbewerb der Hochschulen fördern. Politik, Hochschulen und Industrie müssten darüber hinaus gemeinsam daran arbeiten, ausländische Nachwuchskräfte für eine Tätigkeit in Deutschland zu gewinnen. Laut Raizner ginge dies nur durch attraktive Studienbedingungen und unbürokratische Zuwanderungsregelungen. (nij)