Bei Anruf Brunst
Verkehrte Technik-Welt: Ein Schweizer Sensorsystem misst die Empfängnisbereitschaft von Kühen, weil Bauern sie nicht mehr erkennen können.
- Veronika Szentpetery-Kessler
Verkehrte Technik-Welt: Ein Schweizer Sensorsystem misst die Empfängnisbereitschaft von Kühen, weil Bauern sie nicht mehr erkennen können.
Ich habe vor einiger Zeit schon mal darüber sinniert, ob manche technische Lösungen nicht übertrieben sind. Damals ging es um Apps, mit denen Chefs die Motivation ihrer Mitarbeiter im Blick behalten können – anstatt mit ihnen darüber zu reden. Jetzt gibt es einen neuen Fall, bei dem es sich darüber nachzudenken lohnt, wie es zu der Neuentwicklung kam: Wenn Schweizer Bauern eine SMS bekommen, kann es sein, dass sie von einer Kuh stammt. Laut der New York Times bietet das Schweizer Unternehmen Anemon ein Sensorsystem an, das Bauern per SMS informiert, welche ihrer Kühe gerade brünstig ist.
Möglich machen es ein Temperatursensor in der Scheide der Kühe und ein Beschleunigungssensor an ihrem Hals. Steigt die Körpertemperatur eines Tiers während es gleichzeitig stärker aktiv ist, ist das laut Anemon ein sicheres Zeichen für die Begattungsbereitschaft der Kuh. Dann schickt das Funk-Modul des Systems die Nummer der Kuh an den Bauern. Folgerichtig ist der Firmen- und Produktname Anemon die Kurzform für „animal estrus monitoring“, was sich etwa mit „Überwachung der Begattungsbereitschaft“ übersetzen lässt.
Warum Bauern und Züchter das nicht selbst erkennen? Weil in der heutigen Hochleistungsviehzucht nicht mehr genug Zeit zum Beobachten bleibt und weil die Kühe offenbar durch die steigenden Anforderungen nicht mehr klare Anzeichen senden. Je mehr sie darauf getrimmt werden, viel Milch zu produzieren, desto weniger Geschlechtshormone schütten sie aus und desto gestresster sind sie – entsprechend schwach ausgeprägt sind die Signale für die Empfängnisbereitschaft. Züchter sind aber darauf angewiesen, das eh schon kurze Zeitfenster für eine künstliche Besamung zu nutzen. Denn ohne Schwangerschaft liefern Kühe naturgemäß keine Milch und das bedeutet Einkommenseinbußen.
Das neue System mag für die Bauern eine enorme Erleichterung bedeuten. Aber wir sollten uns fragen, ob nicht etwas verkehrt läuft, wenn statt der Ursache die Symptome bekämpft werden. Die heutige Hochleistungsviehzucht hat nicht mehr viel mit Natürlichkeit zu tun. Aber muss es neben künstlicher Besamung und Melkmaschine wirklich auch noch einen Intravaginal-Sensor sein? (vsz)