Der Wut-Button

Hinter dem sanften Surren und Klicken konventioneller Technologienutzung sammelt sich Unbändiges.

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Von
  • Peter Glaser

Hinter dem sanften Surren und Klicken konventioneller Technologienutzung sammelt sich Unbändiges.

Computerbenutzer sind erstaunlich duldsam. So haben wir uns etwa daran gewöhnt, dass zwar die Prozessoren angeblich immer schneller werden, in Wirklichkeit aber die Betriebssysteme immer länger brauchen, um loszulegen. Oder wir sehen uns seufzend einen dicken Walfisch als Pausenbild an, wenn Twitter mal wieder "over capacity" ist und man von seinem persönlichen Weltnachrichtenstrom abgetrennt ist wie von einer Sauerstoffverbindung.

Manchmal staut sich dann aber doch ein Groll gegen die Gerätschaft, und der muss irgendwo hin. Das aber ist schwierig. So wie während der ersten Raumflüge nicht vorgesehen war, dass ein Astronaut vielleicht mal aufs Klo muss, ist bei Computern nicht vorgesehen, dass sie einem bei der Ableitung von durch sie verursachten Aggressionen behilflich sind. Es fehlt quasi eine Stelle, in die man genervt reintreten kann, um seinem Missfallen geordnet Ausdruck verleihen zu können.

Ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Hardware-Lösung zur zivilisierten Zornverarbeitung war der Flipperautomat. Die Unterhaltungsmaschinen, bei denen man Stahlkugeln durch mechanisch federnde Labyrinthe bugsieren musste, wurden in dem Wissen gebaut, dass ungehaltene Nutzer die tischgroßen Geräte schubsen und treten werden, was bis zu einem bestimmten Grad an Grobheit auch toleriert wurde. Wer sich allerdings zu sehr gehen ließ, dem drohte das TILT. Der Flipper reagierte dann nicht mehr, die Kugel und das aktuelle Spiel waren verloren. Nach ein paar vorzeitig beendeten Spielen hatte man gelernt, wie weit man gehen durfte.

Auch Computer werden, wie aus verschiedenen Studien hervorgeht, in einem nicht unerheblichen Umfang beschimpft und geschlagen. Bereits in einer Untersuchung aus dem Jahr 1975 teilte der Autor F. Kuitenbrouwer Computerkriminalität in vier Kategorien, von denen eine die Zerstörung von Computerequipment umfasste. Was damals als Verbrechen angesehen wurde, ist inzwischen gängiges Verhalten. Verschiedene Studien aus den letzten Jahren haben gezeigt, dass deutlich mehr als die Hälfte der Nutzer mindestens einmal pro Woche – und mehr als 10 Prozent täglich – wegen eines digitalen Ärgernisses aus der Haut fahren. Manche züchtigen dann erbost ihre Maus, dreschen auf die Tastatur oder hauen den Bildschirm. Es kommt auch vor, dass Personen, die sich gerade in der Nähe befinden, geschlagen werden ("collateral damage"). Die Mehrzahl der Anwender resigniert und schaltet den Rechner ab.

Nicht so der kalifornische Computergrafikspezialist Michael Tompert und sein Kumpel, der Fotograf Paul Fairchild. Sie haben iPhones und MacBooks wahlweise mit einer Heckler & Koch-Pistole durchlöchert oder mit dem Vorschlaghammer malträtiert und von den davon aufgenommenen Fotos quadratmetergroße, hochauflösende digitale Prints angefertigt. Darauf verwandeln sich die vormals klaren Linien des Apple-Industriedesigns in – weiterhin erstaunlich ästhetische – Schrott- und Scherben-Ensembes. Für Tompert ist das Ganze ein Statement "über unsere Beziehung zu Gadget-Fetischismus, Mode, Freiheit und den Dingen, von denen wir regelrecht gefesselt sind". Bemerkenswert: Tompert hat früher bei Apple im Grafikdesign-Team gearbeitet. Manche halten ihn nun für einen Apple-Hasser, aber er selbst sieht sich als Fan der ersten Stunde. Das Projekt sei eine Anmerkung zu unserer Konsumkultur.

Die Maschinen wollen uns nicht mehr entkommen lassen. Wir aber laden uns in dieser Umklammerung immer stärker mit heiligem Zorn auf. "Unvorstellbarer Hass auf einen Drucker", twittert da ein gerätedrangsalierter Zeitgenosse und erntet weitum Verständnis. Will man als Nutzer seinen Unwillen gegen eine Maschine kundtun, so ist der Austausch schwierig. Es fehlt, siehe Flipper, ein emotionslösende Option. Wir brauchen einen Wut-Button. (bsc)