Elektronische Gesundheitskarte: Schneller einfĂĽhren oder neu anfangen?
Auf der IT-Trends Medizin referierten die wichtigsten Akteure über den Stand der Dinge bei der elektronischen Gesundheitskarte. Kritiker des Milliardenprojektes kamen zu Wort, wurden aber nicht gehört. Denn längst gilt das Vorhaben als unaufhaltbar.
Der zweite Tag der Fachmesse für medizinische Telematik begann mit einer Diskussion über elektronische Patientenakten (die Arzt und Krankenhaus führen) und elektronische Gesundheitsakten (die der Patient selbst führt). Mit "ewig grüßt das Murmeltier" fasste Britta Böckmann von der Fachhochschule Dortmund die Diskussionsanstrengungen zusammen, die von Vagheit geprägt waren. Vier Jahre nach dem Gelöbnis übergreifender Standards sind die Software-Hersteller von solchen Akten nicht weiter. Zu den ungelösten Problemen gehört beispielsweise, was ein Referent als "physikalische Implementierung des Persistenzspeichers" bezeichnete. Mehrfach wurde dabei in der Diskussion die österreichische ELGA (Elektronische Lebenslange GesundheitsAkte) als Vorreiter erwähnt, obwohl Bürgerinitiativen wie Ärzte massive Bedenken gegen die geplante Akte ins Feld führen.
Mit Tempo warben danach im überfüllten Auditorium Stefan Bales vom Bundesgesundheitsministerium und Dirk Drees von der Gematik für die zweigleisige Arbeit bei der Einführung der eGK: auf der einen Seite weiterhin umfangreiche Tests des Gesamtsystems durch die Gematik, auf der anderen Seite ein "sanfter Einstieg" durch die Einführung der eGK im 2. Halbjahr 2008. Bales kritisierte die Panikmache durch Behauptungen der Art, die eGK würde die Risikoklassenzuordnung der Bevölkerung ermöglichen. Auch die Annahmen, die Bevölkerung müsste sich weitere PIN beim Umgang mit der Karte merken, wurden vom Referatsleiter für Gesundheitstelematik als abwegig kritisiert. Befürchtungen der Ärzte, die eGK halte den Praxisbetrieb auf, begegnete Bales mit der Bemerkung, dass die Stapel- und Komfortsignaturen rechtzeitig eingeführt werden. Für die Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) skizzierte Bales ein dreistufiges Verfahren. Auf der ersten Stufe werde zunächst die "Mini-ePA" mit Arzneimitteldokumentation und Notfalldatensatz eingeführt. Danach soll eine "eingeschränkte ePA" kommen, die Arztbriefe und Befunde speichern kann. Am Schluss des Prozesses soll die komplette ePA eingeführt werden, die "Bilddaten usw." speichern kann.
eGK-Projektleiter Dirk Drees präsentierte eine schnelle Abfolge von Folien zum Status quo der elektronischen Gesundheitskarte. Man sei mit der sukzessiven Freigabe von Praxis- und Apothekenverwaltungssystemen voll in der Umsetzung der Feldphase, betonte Drees. Bei den Konnektoren mahnte der Projektleiter die Industrie zu termingerechten Lieferungen, da ohne Konnektoren die LAN-basierten Kartenlesegeräte nicht angeschlossen werden können. Als "ein bisschen bitter" bezeichnete Drees die Situation bei den Krankenhaussystemen, wo aus der Sicht der Gematik praktisch noch gar nichts geschieht. Nach den erfolgreichen Ausschreibungen für den Broker-Dienst und den Audit-Service zeigte sich Drees zuversichtlich, noch im September die Auftragsvergabe für die Zeit- und Namensdienste, für das Zugangsnetz und für den MPLS-Backbone bekannt geben zu können.
Für die Krankenkassen referierte Anne Strobel, beim AOK-Bundesverband für die Einführung der neuen Karte zuständig. Mit 25 Millionen Versicherten ist die AOK die größte gesetzliche Kasse. Zusammen mit der Bertelsmann-Tochter Arvato (Lichtbildbeschaffung), dem Kartenproduzenten Gemalto und der Firma Giesecke & Devrient als Lieferant des Kartenmanagement-Systems werde man Region für Region abarbeiten. Als einzige Krankenkasse habe die AOK ein Fraunhofer-Institut mit der Evaluierung der eGK-Einführung beauftragt, um möglicherweise auftauchende Probleme schnell zu finden. Die AOK-Vertreterin sprach sich zum Schluss ihres Vortrages für einen "schnelleren Einstieg in die Online-Welt" aus. Als größten Vorteil der neuen Karten bezeichnete sie die Online-Prüfung und die Möglichkeit, die Karten sperren zu können. Ähnlich äußerte sich Michael Meyer, Vertreter von Siemens Medical Solutions, der nach einer Übersicht diverser Siemens-Aktivitäten alle Anwesenden zur weiteren Beschleunigung bei der Einführung der eGK mahnte.
Just diese Beschleunigung lehnten die Kritiker der Gesundheitskarte ab. Aus dem Publikum heraus meldeten sich Martin Grauduszus, Präsident der "Freien Ärzteschaft", und die Hamburger Ärztin Silke Lüder zu Wort, um in längeren Redebeiträgen auf offene Fragen des Datenschutzes und der Speicherung all der anfallenden Daten hinzuweisen. Inmitten der Diskussion um eine schnellstmögliche Einführung stießen ihre Fragen bei den Referenten auf schlichtes Unverständnis. Eine fulminante Kritik des gesamten Systems lieferte schließlich Wolfram-Arnim Candidus von der DGVP, die eine mit dem Handy verknüpfte Gesundheitskarte fordert. Angesichts der Tatsache, dass es keine gültige Kosten-Nutzen-Analyse zum Gesamtsystem gebe, forderte Candidus einen sofortigen Stopp der eGK-Einführung, gekoppelt mit der Installation eines unabhängigen Gremiums "ohne Politiker, Industrie- und Kassen-Mitarbeiter", das eine echte Kosten-Nutzen-Analyse durchführt. Besonders harsch ging Candidus mit der Industrie ins Gericht. Ihr warf er vor, die Gesundheitskarte zu instrumentalisieren, um IT-Machtkämpfe auszufechten und die Ziele der Gesundheitstelematik durch fortgesetzte Lobbyarbeit in den Ministerien zu verfremden. Pech für den Kritiker, dass er seine Kritik erst am Schluss der zweitägigen Veranstaltung vortragen konnte. Nur wenige Zuhörer waren noch im Vortragssaal, die große Mehrheit hatte die Mahnung "schneller, schneller" auf ihre Weise interpretiert.
Siehe zu der Tagung und Fachmesse "IT-Trends Medizin":
Siehe dazu auch den Online-Artikel in c't – Hintergrund mit Links zur aktuellen und bisherigen Berichterstattung über die elektronische Gesundheitskarte und die Reform des Gesundheitswesens:
(Detlef Borchers) / (jk)