Amazon und Google auf dem Weg zum digitalen Buchmarkt

Mit Amazon und Google schicken sich zwei veritable Internetriesen an, eBooks aus der Nische in den Massenmarkt zu führen.

vorlesen Druckansicht 66 Kommentare lesen
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Mathias Schindler

Die Trümmer gescheiterter Projekte am Rand des Weges zum digitalen Buchmarkt rauchen noch, während Verlagen und Rechteinhabern in geschlossenen Runden bereits neue Bauvorhaben präsentiert werden. Insellösungen bei Dateiformaten und Abrechnungsmodellen, unhandliche Lesegeräte und der Bruch mit vertrauten Lesegewohnheiten tragen laut den postmortalen Analysen der Branche dazu bei, dass mit Ausnahme kleinerer Nischen noch kein Durchbruch auf breiter Front erzielt wurde.

Zwar wachsen die Umsatzzahlen des Handels mit elektronischen Büchern, im Vergleich zum gedruckten Buch allerdings auf einem niedrigen Niveau. Silberstreifen am Horizont sind Fortschritte bei elektronischer Tinte und Vereinfachungen beim nachträglichen Erwerb der nötigen Nutzungsrechte beispielsweise durch den "zweiten Korb" im deutschen Urheberrecht.

Die Hoffnungen in einen baldigen Erfolg des elektronischen Buchvertriebs konzentrieren sich dabei auch auf die neuen Mitspieler im Buchgeschäft, allen voran den Versandhändler Amazon und den Suchmaschinenbetreiber Google, die mit ihren Angeboten bereits Kontakt zu jenen Zielgruppen haben, die später als Kunden für das E-Book-Geschäft in Frage kommen. Für Leser und Anbieter könnte hier eine vollständige Lieferkette mit funktionierenden Geräten, einem hochwertigen Inhalte-Angebot und einer attraktiven Preisstruktur im Stile des Apple-Erfolges iTunes den Ausschlag geben.

So will Amazon nach einem Bericht der New York Times im Oktober 2007 einen E-Book-Reader mit dem Namen "Kindle" auf den Markt bringen. Bei dem monochromen Lesegerät, dessen Bilder schon im September letzten Jahres in der Blogosphäre herumgereicht wurden, vermerkt das Datenblatt einen EVDO/CDMA-Anschluss für eine drahtlose Kontaktaufnahme, beispielsweise mit dem Buchsortiment von Amazon für den Download neuer Titel. Ein Betrieb ohne Zwischenschritte über den heimischen PC ist damit denkbar.

Ein Webbrowser soll ebenfalls enthalten sein, dessen Brauchbarkeit sei jedoch aufgrund fehlender Farben und Animationen beschränkt. Als Preismarke gibt der Bericht etwa 400 bis 500 US-Dollar (etwa 300 bis 370 Euro) an. Laut NYT herrscht in Verlagskreisen Unmut über das verwendete Format. Amazon nutze dafür das Angebot der französischen Tochtergesellschaft Mobipocket. Die Konsequenz wäre die vollständige Inkompatibilität sowohl zum Konkurrenten Sony als auch zu dem auf Amazon noch angebotenen Adobe-Format. Amazon Deutschland wollte in einer kurzen Stellungnahme diese Pläne nicht kommentieren, man beteilige sich nicht an Medienspekulationen.

Auch Suchmaschinenbetreiber Google schmiedet Pläne, auf seiner Büchersuche den Verlagen die Möglichkeit zum Verkauf einzelner Titel anzubieten. Die Einkünfte sollen zwischen Verlag und Plattformbetreiber geteilt werden. Den Versuch, Videoinhalte über das eigene Videoportal zu verkaufen, gab Google allerdings nach einigen Monaten wieder auf.

Bereits jetzt ist die Funktion "My Libary" online gegangen. Angemeldete Benutzer können hier in Google Book Search auffindbare Titel in ein virtuelles Bücherregal einsortieren, das öffentlich einsehbar ist. Damit ist Google auf den Zug vieler Büchercommunities wie LibraryThing oder die seit Jahren bei Amazon eingebauten Lieblingslisten aufgesprungen. Eine Mischung aus Spiel und Werkzeug stellt die neue Funktion dar, "beliebte Passagen" aus den Werken anzeigen zu lassen. Im Weblog von Google Book Search stellen die Entwickler die Möglichkeit dar, beliebte Zitierungen eines Werkes durch andere Werke rückverfolgen zu lassen.

Geschmälert wird der Nutzen der Google Buchsuche derzeit durch eine undurchsichtige Handhabung der eigentlich inzwischen gemeinfreien Werke, die über die weltweite Kooperation mit Bibliotheken Aufnahme gefunden haben. In einem Weblog deutscher Archivare berichtet der Open Access-Aktivist Klaus Graf vom Verschwinden der Volltextanzeige bei einer Reihe von im 19. Jahrhundert veröffentlichten Zeitschriften. Nutzer bekommen hier derzeit ausschließlich kleine Auszüge zu sehen, sofern die Schrifterkennung überhaupt das entsprechende Suchwort gefunden hat. (Mathias Schindler) / (vbr)