Vernetzung gegen Verarmung
In Indien hilft neue Technologie armen Bauern, an kostengünstige Kredite zu kommen, die neue Lebensperspektiven eröffnen.
- David Talbot
In Indien hilft neue Technologie armen Bauern, an kostengünstige Kredite zu kommen, die neue Lebensperspektiven eröffnen.
Es ist die Lebenswirklichkeit Hunderter Millionen armer Menschen auf der Welt: Wenn einmal ein Kredit benötigt wird, und sei er noch so klein, zahlen sie enorme Zinsen, weil sie sich an das örtliche Äquivalent der Mafia wenden müssen. "Unbanked" nennt man diesen Personenkreis: Menschen ohne Zugriff auf Finanzdienstleistungen zu fairen Preisen.
Antoinette Schoar, Professorin an der Sloan School of Management des MIT, erklärt das Problem im Kontext Indiens so: Die Leute, die als sehr kleine Farmer keinen Zugriff auf Kredite haben, zahlten manchmal bis zu 10 Prozent am Tag. Sie kauften sich Güter für 100 Rupien bei einem Händler und müssen dann am Abend 110 zurückzahlen. "Wenn ihnen an diesem Tag nur ein klitzekleiner Unfall zustößt und sie nicht zahlen können, ist das eine Katastrophe." Viel Armut auf der Welt entstehe allein dadurch, dass die Betroffenen nicht den allerkleinsten finanziellen Spielraum hätten.
Teilweise sorgen billige Handys mittlerweile dafür, auch diesen Menschen finanzielle Transaktionen zu vernünftigen Konditionen zu ermöglichen – Banking per SMS setzt sich etwa in Afrika immer mehr durch. Um jedoch in dieses System zu kommen, muss zuerst einmal ein Konto eröffnet werden. Und genau hier ergibt sich dann ein weiterer Flaschenhals in ländlichen Regionen der Dritten Welt: schlechte Satellitenverbindungen.
In Indien hat die Hälfte der Bevölkerung, die insgesamt 1,2 Milliarden Menschen zählt, keinen Zugriff auf Kredite. Mittlerweile lassen sich Anträge zwar auch in abgelegenen Filialen und über automatisierte Kiosksysteme abwickeln. (In anderen Fällen begeben sich Bankrepräsentanten über jede Schlammpiste zu den Kunden, um Bargeldeinzahlungen einzusammeln.) Doch das hilft nichts, wenn die Verbindung in die nächste größere Stadt nicht steht – dorthin müssen die Daten, um das Konto wirklich zu eröffnen.
UMTS-Netze sind auf dem Land im Süden noch zu wenig ausgebaut und GSM-Mobilfunkanbindungen für die notwendigen Datenmengen ungeeignet. Aus diesem Grund nutzen die meisten Kiosksysteme und Bankfilialen auf dem Land oft Satellitenverbindungen. Doch diese Leitungen sind unzuverlässig, insbesondere bei größeren Dateien wie gescannten Dokumenten. Außerdem ist die Übertragung relativ teuer. Bestenfalls kommt es bei solchen Problemen zu mehreren Tagen Verzögerung, während ein Courier die Papierdokumente in die Stadt (und zurück) bringt. Schlimmstenfalls beträgt die Wartezeit Monate. Praktisch gesehen bremst der Satelliten-Flaschenhals also die Möglichkeit, vielen Millionen Menschen Bankgeschäfte zu erlauben, massiv aus.
Beim Xerox Research Center India in Bangalore will man das Problem nun angehen – mit einer Kombination aus ethnographischer Forschung, um zu verstehen, wie die Menschen Technik benutzen, und verbesserten digitalen Dokumentenmanagementsystemen.
Nischal Piratla, der als "Entrepreneur in Residence" an dem Projekt arbeitet, kann schon Prototypen zeigen. Die Software erlaubt es, die Schrift des Antragstellers zu entziffern und die wichtigen Wörter und Zahlen zu extrahieren. Das System prüft dann, ob die Formulare vollständig und korrekt sind – und zwar in 12 Sprachen. Anschließend erfolgt eine Übersetzung ins Englische. Zum Schluss muss nur noch eine minimale Menge an Daten übertragen werden und nicht mehr das komplette grafische Dokument. So werden die Satellitenleitungen geschont und die Übertragungskosten gesenkt – bei einem Land wie Indien geht es hierbei um Millionen.
Die Kostenersparnis soll es wiederum erlauben, ganz neue Gebiete zu versorgen, die sich früher nicht lohnten. "Das könnte die notwendigen Investitionen dafür, Bankfilialen auch auf dem Land zu etablieren, deutlich reduzieren", sagt Piratla. Das gelte auch für andere Weltregionen.
Anfang 2013 soll laut Piratla nun ein Testlauf mit einer bislang noch ungenannten indischen Bank durchgeführt werden. Wenn alles klappt, werden aus den "Unbanked" endlich "Banked" – und der Gang zum Kredithai ist Geschichte. (bsc)