"Der Schlaf bleibt ein geheimnisvoller Vorgang"

Der Schlafforscher Alexander Borbély spricht im TR-Interview über die Frage, warum der Mensch schläft und die Bedeutung von Träumen.

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Von
  • Udo Flohr

Der Schlafforscher Alexander Borbély spricht im TR-Interview über die Frage, warum der Mensch schläft und die Bedeutung von Träumen.

Der Pharmakologe Borbély war bis zu seiner Emeritierung 2006 Prorektor für den Bereich Forschung der Universität Zürich. Er ist Spezialist für die Schlafregulation bei Tier und Mensch und leitete eine international Wissenschaftsgruppe auf dem Gebiet der Schlafforschung.

Technology Review: Herr Professor Borbély, warum ist Schlaf notwendig?

Alexander Borbély: Eine Theorie geht dahin, dass der Schlaf einen Überlebensvorteil bietet. Dank des Schlafs vermeiden wir es, uns nachts Gefahren zu exponieren. Der Schlaf hat zudem eine Erholungsfunktion. Wie genau diese Erholung zustande kommt, wissen wir allerdings noch nicht. Eine derzeit viel diskutierte Hypothese besagt, dass sich die entscheidenden Vorgänge an den Synapsen abspielen. Im Wachen würden diese Übergangsstellen zwischen Nervenzellen neu gebildet und im Schlafen selektiv abgebaut. Alle diese Theorien sind allerdings spekulativ, und alle haben etwas für sich.

TR: Wie wird Schlaf eingeleitet – ist das ein aktiver Vorgang oder eher ein passives Abschalten?

Borbély: Auf jeden Fall ist der Schlaf nicht rein passiv – er wird aktiv induziert. Der Übergang verläuft fließend: Bis zum Tiefschlaf dauert es eine ganze Weile, das Muster der Hirnwellen sieht zu Beginn noch aus wie im Wachen. Die Definition des Schlafanfangs ist sehr umstritten.

TR: Ohne Schlaf hätten wir keine Träume – würde uns dann nicht etwas fehlen?

Borbély: Leider weiß man über die Funktion der Träume noch weniger als über den Schlaf. Es gibt aber auch keine Hinweise, dass Träume für die Psyche wirklich notwendig sind – diese Theorie aus den sechziger Jahren wurde wieder verworfen.

TR: Wie viel Zeit des Schlafs verbringen wir mit träumen?

Borbély: Früher nahm man an, dass man nur während der REM-Schlafphase träumt, die durch rasche Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern gekennzeichnet ist; sie macht 20 bis 25 Prozent des Gesamtschlafs aus. Heute ist klar: Wir träumen während des gesamten Schlafs. Die Erinnerung an einen Traum ist nach dem Erwachen aus dem REM-Schlaf allerdings am besten.

TR: Hilft der Blick in die Tierwelt weiter?

Borbély: Die bisherigen Untersuchungen bei Tieren zeigen eindrücklich, wie variabel sich der Schlaf manifestieren kann und wie sehr er sich den Bedürfnissen der jeweiligen Tierart anpasst. Delfine schwimmen beispielsweise während des Schlafs weiter. Allerdings schlafen sie immer nur mit einer Hirnhälfte.

TR: Gibt es Lebewesen, die gar nicht schlafen?

Borbély: Der Schlaf wurde erst bei einem kleinen Teil der Tierarten untersucht. Bei diesen wurde ausnahmslos Schlaf oder ein schlafähnlicher Zustand festgestellt.

TR: Wie wirkt sich Schlafentzug auf Menschen aus?

Borbély: Kurz dauernde Aufgaben können wir auch nach längerem Schlafentzug noch gut ausführen. Bei länger andauernden und monotonen Aufgaben tritt eine starke Leistungseinbuße ein.

TR: Rechnen Sie damit, dass die Frage nach der Funktion des Schlafs in absehbarer Zeit beantwortet wird?

Borbély: Ich halte das für unwahrscheinlich. Der Schlaf bleibt ein geheimnisvoller Vorgang. (bsc)