Systemhäuser zum Kauf gesucht

"Guten Tag, meine Name ist Jens Weller von der Firma Toplink und ich möchte Sie kaufen." So könnte es sich anhören, wenn der Geschäftsführer des Kommunikationslösungs- und VoIP-Anbieters Toplink in diesen Tagen telefoniert. Denn das Unternehmen will expandieren, und das gerne auch mit fremder Hilfe.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Damian Sicking

Lieber Jens Weller, Geschäftsführer des Kommunikationslösungs- und VoIP-Anbieters Toplink,

Toplink-Chef Jens Weller

(Bild: Toplink)

in der Nachrichtenflut der vergangenen Woche fiel mir Ihre Mitteilung besonders auf: "Toplink sucht IT-Systemhäuser zur Übernahme", lautete die Überschrift. Im Text erfahren wir, dass sich Toplink im Zuge der geplanten Expansion an Systemhäusern beteiligen oder diese mehrheitlich übernehmen will. Besonders interessiert sind Sie an mittelständischen Systemhäusern aus dem Großraum Rhein-Main-Neckar mit etwa 20 bis 50 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zwei bis zehn Millionen Euro. Das Portfolio sollte in erster Linie Produkte und Services für Geschäftskunden in den Bereichen IP-Kommunikation und Unified Communications beinhalten. Weitere Voraussetzungen für eine Übernahme durch Toplink sind Erfahrungen mit Microsoft Lync und IP-Anlagenanschlüssen (SIP-Trunking).

Darüber hinaus sind Sie auf der Suche nach weiteren Mitarbeitern. Mit anderen Worten: Toplink will wachsen, und zwar schnell. Grund genug für mich, mich ein wenig genauer mit dem Unternehmen zu befassen. Man will ja wissen, mit wem man es zu tun hat. Denn um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich kannte Ihr Unternehmen bisher nicht.

Auf der Toplink-Homepage erfahre ich, dass sich Toplink auf das Themengebiet Voice-over-IP und virtuelle Telefonanlagen spezialisiert hat. Eckdaten wie Umsatzgröße oder Zahl der Mitarbeiter suche ich aber vergebens. Auch eine Google-Suche bringt mich nicht viel weiter: Es gibt kaum Veröffentlichungen über das Unternehmen, schon gleich gar nicht in Bezug auf seine betriebswirtschaftlichen Kennzahlen. Scheint ein eher verschwiegener Kandidat zu sein. Also mal sehen, was der Bundesanzeiger hergibt. Hier finde ich immerhin den Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2011 und erfahre, dass Toplink Ende vergangenen Jahres eine Bilanzsumme von 1,78 Millionen Euro sowie ein Eigenkapital von knapp 680.000 Euro aufwies und im Jahr 2011 einen Überschuss von rund 246.000 Euro erzielte, der zum Abbau des Verlustvortrages von rund 3,86 Millionen Euro verwendet wurde. Na immerhin.

Bei meinem Anruf bei Ihnen in der Firma schlägt mir zunächst einmal ein spürbares Misstrauen entgegen. "Was soll das denn für ein Artikel werden?", will Ihr Unternehmenssprecher Uli Schunk von mir wissen und betont, dass Toplink nicht verpflichtet sei, bestimmte Kennzahlen wie die Umsatzgröße zu veröffentlichen. Wohl auch aus diesem Grunde hält Herr Schunk den Toplink-Umsatz auch weiterhin unter Verschluss. Immerhin nennt er die Mitarbeiterzahl: 30. Ich rechne blitzschnell: Dann dürfte der Umsatz vermutlich irgendwo im Bereich von zehn bis 15 Millionen Euro liegen. Zum Ende unseren kurzen Gesprächs verspricht Herr Schunk mir noch, mir eine Broschüre zuzumailen. Die kommt auch wenig später an. Dabei stelle ich fest, dass Herr Schunk in Personalunion auch als "Leiter Retail“ fungiert.

Der Firmenbroschüre entnehme ich dann unter anderem, dass das Unternehmen Toplink 1995 gegründet wurde und neben dem Headquarter in Darmstadt Niederlassungen in Frankfurt und Karlsruhe hat. Es gibt zwei Gesellschafter, nämlich die Venture-Capital-Firmen Co-Investor aus Zürich mit Deutschland-Niederlassung in Frankfurt (40 Prozent der Anteile) sowie die WSAC (60 Prozent). Zur WASC gibt es keine weiteren Angaben, bei meiner Suche nach näheren Infos wird mir aber recht schnell klar, dass es sich dabei weder um das Women´s Sexual Assault Center in Amerika handelt, noch um den West Suburban Alano Club oder die Washington State Association of Counties und auch nicht um das Walter Schroeder Aquatic Center in Wisconsin, sondern um die WSAC Beratungs- und Beteiligungs GmbH in Darmstadt, die ja übrigens Ihnen gehört, lieber Herr Weller, wenn ich das richtig sehe. Zumindest fungieren Sie als Geschäftsführer. Bei meiner Internet-Recherche bin ich noch auf die EVP-Capital Management AG in Frankfurt gestoßen, die ebenfalls behauptet, an Toplink beteiligt zu sein; wie Ihr Mitarbeiter Schunk mir versicherte, handelt es sich bei der EVP aber lediglich um ein Mitglied von Co-Investor.

Egal, wichtig ist nur eins: Geld für die weitere Expansion scheint vorhanden zu sein. Toplink arbeitet bereits mit 70 Systemhäusern im gesamten Bundesgebiet zusammen. Diese vermitteln in erster Linie Toplinks IP-basierte Telefonanschlüsse (SIP Business), die virtuelle TK-Anlage (vPBX) und Business Access (SDSL, VDSL, Standleitungen) und erhalten dafür eine umsatzbezogene Airtime Provision.

Die Frage ist: Warum wollen Sie jetzt Systemhäuser übernehmen, also den eigenen Direktvertrieb stärken und auf diese Weise möglicherweise ihre übrigen Systemhaus- und Vertriebspartner vor den Kopf stoßen und verärgern? Die Antwort dürfte auf der Hand liegen: Weil Sie natürlich im eigenen Unternehmen ganz andere Durchgriffsmöglichkeiten haben als bei unabhängigen Partnerfirmen, die sich nicht zu 100 Prozent auf Sie und Ihr Business fokussieren und sicher auch noch andere Interessen haben und verfolgen. "Alles hört auf mein Kommando!“ funktioniert ja im indirekten Vertriebsmodell nur begrenzt bis gar nicht. Da kann man bei Tochterfirmen im eigenen Unternehmensverbund natürlich ganz anders auftreten. Positiv gewendet: Es lassen sich die geschäftlichen Möglichkeiten, die sich bieten bzw. von denen man überzeugt ist, mit viel größerer Konsequenz angreifen.

Warum sollten sich Systemhausinhaber mit Ihnen unterhalten, lieber Herr Weller? Es gibt zumindest zwei Gründe: Wer ohnehin auf der Suche nach einem Käufer oder Investor für seinen Laden ist, der ist über jeden Interessenten froh, der sich meldet. Der zweite Grund ist der interessantere: Toplink ist offenkundig ein Unternehmen mit einem hohen Spezialisierungsgrad, und an diesem Spezial-Know-how zu partizipieren und davon zu profitieren, könnte für ein Systemhaus unter strategischen Gesichtspunkten ein kluger Schachzug sein. Denn noch immer ist an dem alten Spruch was dran: "Get big, get niche or get out." Und seien wir doch ehrlich: "Wir sind der Spezialist für IP-Kommunikation" klingt deutlich besser als "Wir sind der Spezialist für alles Mögliche".

Lieber Herr Weller, wie gesagt, ich kannte das Unternehmen Toplink bis dato nicht. Aber ich verspreche Ihnen eins: Jetzt stehen Sie auf meiner Watchlist und ich werde die weitere Entwicklung Ihrer Firma aufmerksam und mit Interesse verfolgen.

Beste Grüße!

Damian Sicking

Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale ()