Vor der US-Wahl: Abkehr von Europa?

Telepolis bringt ein E-Book zur US-Präsidentschaftswahl: Obama gegen Romney - Hintergründe und Perspektiven für Europa bis 2016.

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Von
  • Florian Rötzer

Die atlantische Partnerschaft ist in der tiefsten Krise seit ihrem Bestehen - mit negativem Ausblick. Wie auch immer die Entscheidung der amerikanischen Wähler im November ausgeht: Europa gehört zu den Verlierern der US-Präsidentschaftswahl 2012. Und daran ist wenig zu ändern, wenn man den zeithistorischen Hintergrund und die - darin eingebetteten - Überzeugungen der beiden Kandidaten kennt. Deutlich wurde dies auch bei den Fernsehduellen der beiden Präsidentschaftskandidaten. Von Europa war dort praktisch nicht die Rede.

Aus aktuellem Anlass veröffentlicht das Onlinemagazin Telepolis ein eBook zu den US-Präsidentschaftswahlen: Abkehr von Europa? Obama gegen Romney: Hintergründe und Perspektiven für Europa bis 2016. Roland Benedikter, Europäischer Stiftungsprofessor für Zeitanalyse, Politische Antizipation und Kontextuelle Politikanalyse an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara und an der Stanford Universität, analysiert darin die Gründe für den erstarkenden Anti-Europäismus in den USA, der die Grundlinien für die Amtszeit des neuen oder alten US-Präsidenten 2013 bis 2016 bestimmen wird.

Die USA stehen innen- und wirtschaftspolitisch vor gewaltigen Problemen. Amerika, "das Land der Mutigen und Freien", ist ein "Land der systemischen und systematischen Ungleichheit" (Al Sharpton) geworden. Die fehlende Gleichheit lähmt den Mut und stellt die Freiheit in Frage. Die USA waren nie ein Land der - programmatisch trinitarisch verstandenen - französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), sondern waren seit jeher dualistisch begründet. Freiheit (zum Erfolg) und Gleichheit (in der Ausgangslage) wurden auf Kosten der Brüderlichkeit in den Vordergrund gestellt. Heute aber sind die USA in Gefahr, auch diese Dualität zugunsten einer absolut gesetzten Selbstbezogenheit zu verlieren, die im Motto der Chicago-Schule des Neoliberalismus gipfelt: "Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an jeden gedacht." Mit anderen Worten: Egoismus ist der wahre Altruismus.

Die Analyse Benedikters zum Umfeld, zum Vorlauf und zur Zeit nach den Wahlen schließt nicht nur Porträts der Kandidaten und Zukunfts-Szenarien aus europäischer Sicht ein, sondern bietet auch eine in dieser Form einmalige, vertiefte Analyse des inneren Zustandes Amerikas und dessen Auswirkung auf die geopolitische Situation der kommenden Jahre.

Obama wird einen Kurs fahren, der Amerika nicht mehr an der Seite Europas, sondern zwischen Europa und Asien positioniert - mit allen Konsequenzen auch für Amerika selbst, das dadurch weiter "enteuropäisiert" werden wird. Romney strebt hingegen nach einem "neuen amerikanische Jahrhundert" und hängt einer globalen Vorherrschaftsphantasie Amerikas an. In vielen Bereichen wie etwa Klimaveränderung, Umweltschutz oder soziale Partizipation ist Romney geradezu das Gegenbild Europas. Romney könnte insgesamt als der US-Präsident in die Geschichte eingehen, der die gegenseitige atmosphärische Entfremdung auf einen Tiefpunkt der 250jährigen Beziehung treibt.

Das eBook ist für 3,99 Euro bei Amazon und iTunes und im heise-shop, DRM-frei (aber mit Wasserzeichen) in den eBook-Shops wie Libreka erhältlich, die dies unterstützen. (fr)