Die eierlegende Wollmilchkamera
Immer mehr Kameras mit Wechselobjektiven, seien es Spiegelreflex oder Spiegellose, verschmelzen die Foto- und Videofunktionen. Doch keine legt die Messlatte fĂĽr die sogenannten Fodeokameras so hoch wie Panasonics neue Lumix GH3.
- Martin Kölling
Immer mehr Kameras mit Wechselobjektiven, seien es Spiegelreflex oder Spiegellose, verschmelzen die Foto- und Videofunktionen. Doch keine legt die Messlatte fĂĽr die sogenannten Fodeokameras so hoch wie Panasonics neue Lumix GH3.
Wie viele aufmerksame Leser meines Blogs erahnen, habe ich mich innerlich schon lange dazu entschlossen, von meiner Spiegelreflexkamera, einer Canon-Kamera mit von Profis gerne verwendeten L-Objektiven, auf eine Systemkamera ohne Spiegel umzusteigen. Und damit stehe ich wie so viele Fotografen vor der schweren Wahl, mich für eines der vielen konkurrierenden System zu entscheiden. Mit einem Unterschied: Dank meines Jobs habe ich das Privileg, Kameras hin und wieder zu testen, bevor sie auf den Markt kommen. Das Paradoxe: Die Entscheidung fällt mir dadurch nicht leichter, wie mein jüngster Test einmal mehr zeigte.
Ich hatte kürzlich ein frühes Vorserienmodell der Kamera, die von ihren Spezifikationen her das Ideal der Foto und Film verschmelzenden Fodeokameras darstellen könnte: Panasonics Lumix GH3. Ich kann mich zwar über die Qualität der Fotos und Filme nicht wirklich äußern, weil es sich wie gesagt um ein Vorseriemodell gehandelt hat. Auch werde ich nicht allzu sehr in die technischen Details einsteigen, weil dies anderswo schon oft genug getan wurde – zum Beispiel bei den Kollegen von Dpreview. Doch nach dem Test sei soviel gesagt: Die GH3 hat meine foto- und videografischen Erwartungen übertroffen – und ließ mich dennoch mit gemischten Gefühlen zurück.
Aber der Reihe nach: Panasonic hat sich lobenswerterweise entschieden, das Megapixelrennen vorerst nicht mehr mitzumachen. Während die Konkurrenz wie Sony, Nikon und selbst Leica in 24MP+-Bereiche vorstößt, ist Panasonic bei 16 stehengeblieben. Das reicht noch immer für A3-Drucke in Hochglanzmagazinen und ist damit mehr, als die meisten Fotografen benötigen. Stattdessen wollen die Japaner die Bildqualität erhöhen und vor allem den Nutzen für die Videografen verbessern. Wie mir schon vor der Photokina bei einer Einführung der Kamera gesagt wurde, haben die Ingenieure dafür viele Profifilmer nach ihren Wünschen befragt und diese tatsächlich auch teilweise umgesetzt.
Die Kamera ist nicht nur mit einem externen Mikrofoneingang, sondern auch mit einem Kopfhörerausgang ausgestattet. Darüber hinaus ist der Ton manuell regelbar. Doch vor allem bietet die GH3 etwas, das keine andere Kamera bisher beherrscht: Sie kann hochauflösende Videos mit einer Bitrate von 72 Mbps auf SD-Karten transferieren. Und dies bedeutet, dass die GH3 die Anforderungen von TV-Sendern schlägt. Viele von diesen, so wurde mir gesagt, erwarten eine Bitrate von 50 Mbps. Die Panasonic GH3 schafft 50 Mbps mit 60 Bildern pro Sekunde in Full-HD und mit bis zu 72 Mbps bei 24/25 und 30 Bildern pro Sekunde. Und nicht nur in diversen Kompressionsverfahren, sondern sogar im All-Intra-Modus mit sofort nutzbarem Dateiformat.
Das ist für Profivideografen offenbar eine große Sache. Denn das bedeutet, dass, anders als bei Kompressions-Codecs wie AVCHD, die Frames vollständig gespeichert werden, ohne sie verlustbehaftet nur in Einzelteilen abzulegen, weil der Codec darauf achtet, wie viele Bildinformationen sich ändern. Die Datenmengen werden dadurch zwar größer, die Nachbearbeitung jedoch einfacher, weil die Dekodierung entfällt. "Bis vor kurzem musste man sehr schnelle Computer haben, um AVCHD ohne Transcoding zu bearbeiten", sagt Michael Reichmann, der Gründer der Kamera-Review-Seite "Luminous Landscape" in seinem GH3-Review. Aber Videos in Panasonics All-Intra-Modus ließen sich nun mit einem Mausklick abspielen oder schlicht in den Video-Editor werfen.
Dazu kommt der im Vergleich zu den Vollformat- und APS-C-Sensoren deutlich kleinere MicroFourthird-Sensor. Fotografisch gesehen hat er den Nachteil, bei gleicher Blende größere Schärfentiefe zu bieten. Und eine geringe Schärfentiefe erlaubt es, das Hauptmotiv zu betonen, in dem man Vorder- und Hintergrund unscharf verschwimmen lässt. Beim Filmen ist der größere Schärfebereich hingegen ein Segen. Denn bei Videos mit Vollformatsensoren ist dieser potenziell so klein, dass es schwer wird, Objekte, die sich schnell bewegen, scharf zu stellen. Und das ich elektronische Sucher für ausreichend halte, wenigstens für meine Erfordernisse, schreibe ich ja auch schon seit Jahren.
Und es gibt noch einiges mehr – auch und besonders für Fotografen: So hat sich die GH3 ein Magnesium-Skelett zugelegt und wurde gegen Spritzwasser versiegelt. Der Touchscreen ist zudem gewachsen und verwendet kein LCD mehr, sondern ein OLED-Display (organische Leuchtdioden). Darüber hinaus kann man auf dem Display nicht nur mehr wie bisher schon mit einem einfachen Fingertipp auf das Objekt, das man scharf stellen möchte, fokussieren und zugleich auslösen, sondern im Wiedergabemodus wie bei einem Smartphone durch Wischbewegungen zwischen Bildern wechseln oder mit zwei Fingern den Bildausschnitt vergrößern oder verkleinern.
Darüber hinaus verspricht Panasonic im Serienmodell auch eine WLAN-Anbindung, mit der sich die Kamera nicht nur über ein Smartphone oder ein Tablet fernauslösen lässt, sondern auch andere Funktionen wie Blende und Timer wählbar sind. Und die Bilder werden zudem drahtlos übertragen. (Beim Testmodell funktionierte die noch nicht, weil die WLAN-Software erst später im Entwicklungsprozess auf den aktuellsten Stand gebracht werden soll.) Das Fernauslösen von Blitzen soll auch endlich funktionieren. Und zudem sind wichtige Funktionen wie Weißabgleich, Lichtempfindlichkeit und Belichtungskorrektur netterweise über drei einzelne Knöpfe ansteuerbar, die gleich hinter dem Auslöser liegen. Dadurch kann der Fotograf die Veränderungen vornehmen, ohne wie bisher den Blick durch den Sucher zu unterbrechen. Frei programmierbare Knöpfe gibt es ebenfalls.
Und damit kommen wir auch schon zu dem, was mein zwiespältiges Gefühl ausgelöst hat: Um für all diese Knöpfe und Räder Platz zu machen und damit die Bedienung zu vereinfachen, ist die GH3 als eine der wenigen Kameras im Vergleich zu ihrem Vorgängermodell GH2 gewachsen und ist jetzt so groß wie Einstiegsmodelle von Spiegelreflexkameras.
Das Fotografieren hat mir mit dem Gerät schon viel Spaß gemacht. Doch beim Gang durch die Kameraabteilungen in Japan blieben meine Augen auch mit der GH3 um den Hals immer wieder an anderen Kameras hängen. Fujifilms neue Modelle reizen mich durch ihren Retrolook und ihre hohe Bildqualität. Und Sonys NEX-Serie und die Olympus OM-D durch ihre Form. Denn sie verkörpern etwas, das für mich den Reiz der Spiegellosen ausgemacht hat: Sie sind selbst kleiner als Einstiegsspiegelreflexkameras.
Bei der GH3 kann ich mich nur damit trösten, dass die Objektive bei gleichem Blendenumfang kleiner und damit leichter als die der Spiegelreflextechnik sind. Und das führt nun zu dieser paradoxen Situation, dass ich trotz meines Privilegs, Kameras testen zu können, mich noch immer nicht vollends entschieden habe. Am liebsten würde ich mehrere Modelle kaufen, aber aus haushaltspolitischen Gründen geht das wohl nicht. (bsc)