Ignaz Semmelweis: "Welch unglaublicher Frevel!"

Viele seiner Berufskollegen hassten ihn, aber Tausende MĂĽtter verdanken ihr Leben dem Arzt und Erfinder der Desinfektion Ignaz Semmelweis.

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Manfred Pietschmann

Viele seiner Berufskollegen hassten ihn, aber Tausende MĂĽtter verdanken ihr Leben dem Arzt und Erfinder der Desinfektion Ignaz Semmelweis.

Ignaz Semmelweis wird am 1.7.1818 im heutigen Budapest geboren. Ab 1838 Medizinstudium in Wien. 1847 entdeckt Semmelweis die Ursache des Kindbettfiebers. 1850 erfolgt die Habilitation des zu dieser Zeit stellungslosen Semmelweis. 1851 kommt es zur Disputation seiner Thesen zum Kindbettfieber in der Wiener Ärztegesellschaft. Der 33-Jährige wird deshalb Professor für Geburtshilfe in seiner Heimatstadt Pest. 1858 beschreibt Semmelweis in einer ungarischen medizinischen Wochenschrift die Ursachen des Kindbettfiebers, auf Englisch erscheinen die Aufsätze im "Lancet" erst 1860. 1861 schickt Semmelweis vier offene Briefe an seine Widersacher. Am 13. 8. 1865 stirbt Ignaz Semmelweis an Blutvergiftung – mit den gleichen Symptomen wie beim Kindbettfieber.

Technology Review: Professor Semmelweis, endlich habe ich Sie hier in Pest gefunden.

Ignaz Semmelweis: Was ist so Besonderes daran? Ich leite hier eine Klinik fĂĽr Geburtshilfe.

TR: Ich hatte Sie in Wien vermutet, dem Zentrum des wissenschaftlichen Kampfes, den Sie ausgelöst haben.

Semmelweis: Erstens ist das kein wissenschaftlicher Kampf, denn er wird mit allen Mitteln gefĂĽhrt, nur nicht mit denen der Wissenschaft. Zweitens: Ich habe hier eine wichtige Aufgabe als Arzt, und diese ist ungleich bedeutender, als mit einer Handvoll verbohrter Ignoranten zu debattieren.

TR: ...die von Ihnen in offenen Briefen als Mörder bezeichnet werden.

Semmelweis: So ist es. Und es ist wahr, bei allem, was mir heilig ist.

TR: Weil diese Geburtshelfer sich weigern, ihre Hände mit Chlorwasser zu desinfizieren, bevor sie schwangere Frauen untersuchen?

Semmelweis: Jawohl. Denn die Ärzte infizieren die Gebärenden, denen sie eigentlich beistehen sollten, mit dem tödlichen Kindbettfieber. Das habe ich vor Jahren bewiesen. Trotzdem weigern sich diese Narren immer noch, durch eine simple Waschung ihre Patientinnen zu schützen. Welch unglaublicher Frevel!

TR: Bitte erzählen Sie unseren Lesern kurz, wie Sie Ihre Entdeckung gemacht haben.

Semmelweis: Ich arbeitete 1847 als Assistent in der I. Gebärklinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien. Wir hatten dort eine dreifach höhere Sterberate als die II. Gebärklinik, die im selben Haus untergebracht war.

TR: Was war der Unterschied zwischen den beiden Abteilungen?

Semmelweis: Darüber habe ich mir den Kopf zermartert. Ich fand keinen anderen, als dass in der einen Medizinstudenten ausgebildet wurden, in der anderen Hebammen. Alle Ärzte dachten, die hohe Mortalität bei uns läge an schlechter Luft, aber das war völlig abwegig.

TR: Sie selbst vermuteten, es läge an der unterschiedlichen Ausbildung?

Semmelweis: Nicht sofort. Ich kam erst darauf, als einer meiner geschätzten Lehrer, Professor Kolletschka, plötzlich an multipler Sepsis verstarb. Ein Student hatte ihn einige Tage zuvor bei einer Leichenöffnung mit dem Seziermesser in den Finger gestochen. Die Obduktion ergab die gleichen Todesursachen wie bei den Frauen, die am Kindbettfieber verstorben waren: Entzündungen am Rippenfell, Bauchfell, an der Hirnhaut und am Herzbeutel.

TR: Moment – da komme ich nicht ganz mit.

Semmelweis: Ganz einfach – die Studenten in der Klinik 1 werden an Leichen unterrichtet, die Hebammen nicht. Und wir Ärzte und die Studenten gingen häufig vom Seziersaal direkt in den Kreißsaal, nachdem wir uns nur flüchtig die Hände mit Seife gewaschen hatten. Ich vermutete daher, dass Leichenpartikel, die wir bei unseren Untersuchungen auf die Frauen übertrugen, das Kindbettfieber auslösten.

TR: Und konnten Sie Ihren Verdacht beweisen?

Semmelweis: Zunächst nur indirekt, durch eine einfache Maßnahme. Ich bat unseren Chefarzt Professor Klein, das gründliche Händewaschen mit Chlorwasser anzuordnen. Chlor ist dafür bekannt, dass es alle Fäulnis vernichtet. Innerhalb eines Monats ging die Sterberate von zwölf auf drei Prozent zurück. Danach habe ich Versuche vorgenommen, in denen ich Tiere mit Eiter infizierte. Sie starben an den gleichen Infektionssymptomen wie die Wöchnerinnen.

TR: Wie reagierte Ihr Umfeld?

Semmelweis: Äußerst aufgebracht. Ich war plötzlich der Nestbeschmutzer, der seine eigenen Kollegen anklagte, im Kreißsaal ihren Beruf nicht korrekt auszuüben. Mein Vertrag als Assistenzarzt wurde nicht verlängert.

TR: Worauf Sie sich enttäuscht in Ihre Vaterstadt Pest zurückzogen. Warum so wenig Stehvermögen?

Semmelweis: Sie haben ja keine Vorstellung von den Intrigen und Verunglimpfungen, denen ich ausgesetzt war. Ich geriet zwischen die Linien verfeindeter Gruppen von Professoren. Selbst angeblich wohlmeinende Unterstützer instrumentalisierten mich für ihre eigenen Zwecke. Und meine Gegner verschmähten mich mit ihrer Polemik. Das hatte mit Wissenschaft alles nichts mehr zu tun.

TR: Ihr eigenes Schweigen aber auch nicht. Sie haben Ihre Erkenntnisse nicht einmal publiziert. Obwohl Sie, indem Sie die Sterblichkeitsraten Ihrer und anderer Kliniken über Jahrzehnte verglichen, erdrückende Beweise für Ihre Theorie fanden. Sie hätten das alles doch wenigstens aufschreiben können.

Semmelweis: Ich bereue bei Gott, dass ich es nicht getan habe. Ich bin mir bewusst, dass in den 13 Jahren, in denen ich schwieg, Tausende von Wöchnerinnen und Säuglingen gestorben sind, die heute noch leben könnten. Gottlob hat mich mein Freund und Kollege Lajos Markusovszky überzeugt, in seiner ungarischen medizinischen Wochenschrift "Orvosi Hetilap" den Kampf aufzunehmen.

TR: Und wie Sie nun zurückschlagen! In einem unglaublichen Ton fertigen Sie Ihre alten Widersacher ab. Man muss sich wundern, dass die Professoren Späth aus Wien und Scanzoni aus Würzburg Sie nicht wegen Verleumdung vor Gericht zerren.

Semmelweis: Weil ich sie Mörder nenne? Sollen sie doch beweisen, dass sie keine sind. Die meisten meiner Gegner haben inzwischen klammheimlich die Chlorwaschung eingeführt. Aus schlechtem Gewissen. Einer, der arme Doktor Michaelis aus Kiel, hat sich aus Verzweiflung über seine Schuld sogar das Leben genommen.

TR: Eine letzte Frage: Was ist es denn nun eigentlich, das die Frauen im KreiĂźsaal infiziert?

Semmelweis: Ich weiß es offengestanden nicht. Einige Kollegen sprechen von Leichengift, ich hingegen halte es für eine allgemeine Fäulnis, deren Natur mir aber unbekannt ist. Das wird ein anderer Forscher nach mir herausfinden.

TR: Richtig. In fünfzehn Jahren. Sein Name ist Robert Koch. Herr Professor, ich danke Ihnen für das Gespräch. (mpi)