Who wants to live forever?

Apple-Rechner gelten als langlebig. Aber was heiĂźt eigentlich langlebig in der Welt der Personal Computer?

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Von
  • Jens Lubbadeh

Apple-Rechner gelten als langlebig. Aber was heiĂźt eigentlich langlebig in der Welt der Personal Computer?

Jeanne Calment konnte auf ein langes Leben zurückblicken, ein sehr langes: 122 Jahre, 5 Monate und 14 Tage lebte die Französin. 1875 wurde sie in Arles geboren, 1997 starb sie dort. Sie hatte mit eigenen Augen Vincent van Gogh gesehen (laut Calment ein unhöflicher und schlecht gekleideter Mann) und erinnerte sich noch an den Bau des Eiffelturms. Kein Mensch wurde älter als sie. Kurz: Jeanne Calment mit ihren 122 Jahren war langlebig.

In der Welt der Computer galten und gelten Apple-Produkte als besonders langlebig. Was das in Zahlen heißt, wurde zwar nie genauer definiert, doch hilft ihnen dieser Ruf zumindest auf Ebay zu hohen Verkaufswerten. Selbst alte i- und Powerbooks erzielen ein Vielfaches dessen, was für gleich alte, „normale“ Windows-Geräte ausgegeben wird.

Nun wollte ich mir neulich einen alten Apple Macintosh kaufen – rein aus nostalgischen Gründen. Ich hatte gerade die Steve-Jobs-Biografie von Walter Isaacson gelesen und die Geschichte des Kraftakts erfahren, den der Bau dieses „1984“-Rechners erfordert hatte. Zudem erinnerte ich mich daran, wie ich während eines meiner ersten journalistischen Praktika drei Monate lang an einem Nachfolgemodell dieses Rechners verbracht hatte. Ein schönes, ein beeindruckendes Gerät - ich musste es einfach haben. Und tatsächlich trieb ich auf Ebay-Kleinanzeigen einen seiner Nachfolger, den Apple Macintosh SE/30 auf - für immer noch stolze 70 Euro.

Doch die Vorfreude währte nur kurz: Der zunächst als „voll funktionstüchtige“ zwanzig Jahre alte Rechnerwürfel, zeigte auf einmal nur noch Streifen, als ich den Verkäufer bat, ihn doch einmal zur Sicherheit hochzufahren. Bei näherem Einsteigen in die Materie erfuhr ich, dass diese Rechnerserie einen Geburtsfehler hatte: Kondensatoren, die nach zehn Jahren beginnen, auszulaufen und das Mainboard kurzschließen. Beim Booten zeigen sie dann nur noch ein Streifenmuster. Simasi-Mac wurde dieses Phänomen von Japanern getauft, der Zebra-Mac. Amerikaner nannten es auch "Mac in Jail". Doch es muss nicht unbedingt sein Todesurteil bedeuten, man kann bei dem ollen Macintosh eine Art Jailbreak veranstalten und ihn wiederbeleben: einfach die Platine rausnehmenund ab damit in die Spülmaschine. Kein Witz, auf diese Weise kann man das Mainboard von der ausgelaufenen Elektrolytlösung reinwaschen. Mir war das allerdings zu heikel. Ich wollte meinen Nostalgietrip nicht mit einer komplizierten Platinenwäsche beginnen und einen angezählten Rechner kaufen. Denn beliebig oft lässt sich die Platinenwäsche nicht wiederholen. Irgendwann sind die Kondensatoren nämlich leer. Ich kaufte den Zebra-Mac also doch nicht. Doch ich lernte: Nach zehn Jahren setzt also auch bei Apple-Greisen das große Sterben ein.

Das musste ich gestern selbst erfahren, als in meinem kleinen Apple-Museum, das aus einem rosafarbenen iMac G3 besteht, plötzlich Todesschreie zu vernehmen waren. Als ich den iMac - wie so oft - zum Musikhören hochgefahren hatte – diese Rechnergeneration besitzt wohklingende Harman-Kardon-Boxen –, machte es auf einmal nur noch Krackkrackkrack. Ich konnte es nicht fassen, aber mir nichts dir nichts hatte offenbar die rechte Box ihren Geist aufgegeben. Eine Box der Qualitätsfirma Harman Kardon wohlgemerkt, deren Produkte ebenfalls als äußerst langlebig gelten. Das ist sehr bedauerlich, denn damit ist der Mac zwar faktisch noch nicht tot, aber sein letzter Zweck ist – von seinem schönen Anblick mal abgesehen – nun perdu. 14 Jahre lang währte sein aktives Leben. Ist das lang? Für einen Rechner offenbar schon. (jlu)