Ein Care-Paket für die Nanowelt

Wenn das Wort "Nanotechnologie" fällt, schimmern vielen Politikern, Managern und Wissenschaftlern Dollarzeichen in den Augen. Das Bundesforschungsministerium startet nun ein Projekt zur Erforschung der Risiken von Nanopartikeln.

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Von
  • Richard Sietmann

Wenn das Wort "Nanotechnologie" fällt, schimmern vielen Politikern, Managern und Wissenschaftlern Dollarzeichen in den Augen. Auf 1000 Milliarden Dollar hat die US National Science Foundation das von nanotechnischen Produkten oder Herstellungsverfahren beeinflusste Weltmarktvolumen im Jahr 2015 prognostiziert – eine Verzehnfachung gegenüber heute. Auch der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium (BMBF), Thomas Rachel, führte diese Zahlen am heutigen Freitag an, als er das neue Leitprojekt NanoCare vorstellte.

Im vergangenen Jahr hat das BMBF Projekte der Nanotechnologie mit insgesamt 125 Millionen Euro gefördert; jetzt sollen 7,6 Millionen Euro in die Vorsorgeforschung fließen. Denn neben den vielgepriesenen Chancen – "nie wieder putzen dank selbstreinigender Oberflächen", schwärmte BASF-Vorstandsmitglied Stefan Marcinowski bei der Präsentation des Projektes in Berlin – birgt der Umgang mit Nanopartikeln, die kleiner als ein Grippevirus sind, auch Risiken. Sie können leicht inhaliert oder über die Haut aufgenommen werden und im Körper toxische Wirkungen entfalten, insbesondere bei Beschäftigten, die in der Produktion damit in Berührung kommen. So ist beispielsweise noch ungeklärt, ob die unter anderem für die Elektronik interessanten Kohlenstoff-Nanotubes mit typischen Abmessungen von 5 Nanometern Durchmesser und 100 Nanometern Länge vergleichbar krebserzeugend sind wie Asbestfäden, wenn sie in die Lunge gelangen.

Auf internationalen Konferenzen zur Nanotoxikologie beschäftigen sich 40 bis Prozent der Tagungsbeiträge mit den Nanotubes, "doch weltweit gibt es noch kein einziges Referenzmaterial, das eine Vergleichbarkeit der Arbeiten sichern würde", beschreibt NanoCare-Projektleiter Professor Harald Krug vom Forschungszentrum Karlsruhe die Schwierigkeit, auf diesem Gebiet zu gesicherten Aussagen zu gelangen. Ein Arbeitspaket in dem Vorhaben widmet sich daher der Herstellung standardisierter Partikel, die nach Typ, Größe, Oberflächencharakteristik und weiteren Parametern gezielt so eingestellt werden können, dass sich die Toxikologen bei ihren Untersuchungen auf das gleiche Ausgangsmaterial stützen können.

An NanoCare sind 16 Partner aus Industrie und Wissenschaft beteiligt, darunter BASF und das Spezialchemie-Unternehmen Degussa. Das Leitprojekt, zu dessen Finanzierung die Industriepartner 2,6 Millionen Euro beisteuern, ist dreistufig angelegt: In der originären Forschung geht es um die Gewinnung von Primärdaten zur arbeitsplatzbezogenen gesundheitlichen Wirkung von Nanoteilchen durch Partikelanalyse und mit biologischen Testsystemen – neben Tierversuchen beispielsweise auch durch die Modellierung der Transportvorgänge durch die Haut und der Selbstreinigungsmechanismen in der Lunge. Des Weiteren wird unter dem Titel "Wissensmanagement" eine Informationsplattform zur human- und ökotoxischen Wirkung von Nanopartikeln aufgebaut und die zugehörige Datenbank soll der interessierten Öffentlichkeit dann über das NanoCare-Portal zugänglich gemacht werden.

Die dritte Säule des Projektes dient der so genannten "Risikokommunikation", dem Transfer der Erkenntnisse in einer für die Öffentlichkeit verständlichen und interpretierten Form. Geplant sind beispielsweise "Dialogveranstaltungen" mit Journalisten, Bürgern und Nichtregierungsorganisationen. Wie Projektleiter Krug auf Befragen erklärte, sind für diesen Zweck etwa 20 bis 25 Prozent der Mittel vorgesehen. Mit der "frühzeitigen und wissenschaftlich fundierten" Abwägung der Chancen und Risiken soll offenbar verhindert werden, dass nanotechnische Produkte bei den Verbrauchern auf ähnliche Inakzeptanz stoßen wie gentechnisch veränderte Nahrungsmittel. (Richard Sietmann) / (jk)