Produktverhinderung und Nichtbesitz
In der fortschreitenden Digitalisierung lässt sich eine Tendenz erkennen: Immer mehr Dinge werden stofflos. Gehen wir auf eine Welt ohne Gadgets zu?
- Peter Glaser
In der fortschreitenden Digitalisierung lässt sich eine Tendenz erkennen: Immer mehr Dinge werden stofflos. Gehen wir auf eine Welt ohne Gadgets zu?
Am Beispiel des Autodesigns lässt sich gut ablesen, wie sich herkömmliche Produkte mit dem Aufkommen des Umweltbewusstseins symbolisch vor sich selbst zu schämen begannen. Die Karosserien wurden glatter, keine Kante mehr schnitt scharf in die Umwelt, Türgriffe und Antennen zogen sich schneckenfühlerhaft ins Blech zurück. Wenn schon nicht der Fahrer, so sollte doch zumindest sein Gefährt einen Hauch von Sensibilität verströmen und sich in smoothen Formen in die Landschaft schmiegen.
Längst hat sich ein neuer Lebensstil ausgebreitet, zu dessen Erfahrungsgrundlagen es gehört, dass man, um abzufahren, nicht einmal mehr ein Auto braucht. Oder um Musik zu hören, keine CD mehr – Spotify und Konsorten reichen. Dass es mithin nicht mehr um den Besitz von Produkten geht, sondern um die Möglichkeit, Zugriff darauf zu haben. Bei Tonträgern sieht man es überdeutlich. Erst waren die Vinyl-LPs auf CD-Format geschrumpft, aus den CDs wurden MP3s – und die verschwinden nun in die "Cloud". (Bemerkenswerter Weise ist seit der Netzfrühzeit in den Siebzigerjahren auf Infografiken und Flussdiagrammen das Symbol für das Internet eine kleine Wolke.)
Es sind längst nicht mehr nur Öko-Fundamentalisten und Piraten, sondern ganz normale Wohlstandsbürger, die den Wertewandel vorantreiben. Die Konsumansprüche verändern sich. Conspicuous Minimalism nannte der Schriftsteller Douglas Coupland die Lebensart, bei der das Nichtbesitzen bestimmter materieller Güter als Zeichen moralischer und geistiger Überlegenheit stolz vorgezeigt wird. Der Öko-Muff der frühen Jahre, das Dogmatische, Sauertöpfische, ist verflogen. Die Trendsetter der neuen ökologischen Leichtigkeit lehnen Verzichtprogramme ab. Vorstellungen von Rationierung schüren nur falsche Ängste. Es geht nicht um Verzicht, sondern um Gewinn. Und teurer Öko-Luxus taugt nicht mehr als Statussymbol, gefragt ist Alltagstaugliches.
Dem Kölner Design- und Ökologieprofessor Günter Horntrich zufolge geht es nicht so sehr um die Ökobilanz eines einzelnen Produkts, "sondern in letzter Konsequenz auch um dessen Verhinderung". Das heißt: Nicht jede Idee muss sich als Produkt wiederfinden. Anstatt eine Kaffeemaschine für Singles aus Recyclingkunststoff zu konzipieren, empfiehlt er Firmen, einen Service anzubieten, der die verkalkten Heizstäbe klassischer Kaffeemaschinen wartet.
Ohnehin entmaterialisieren immer mehr Dinge, vor allem Kulturgüter. Musik, Fotos, Filme und Bücher brauchen keine analogen Träger mehr. Noch lassen sich mit der Schrumpfgeste auf Touchscreens nur Fotos verkleinern, aber demnächst wird auch die Hardware folgen. Schon jetzt ist der Schwund unübersehbar. Ein iMac aus dem Jahr 2000 war knapp 16 Kilo schwer und fast 50 Zentimeter tief. Ein iPad von 2010 wiegt 680 Gramm und ist 13,4 Millimeter dünn (und um Klassen leistungsfähiger als der iMac).
Eine Welt ohne Gadgets, in der alles Betriebsnotwendige sich unsichtbar in den Hintergrund verzieht – in absehbarer Zeit wird es eine digitale Infrastruktur geben, die überall da ist, wie die Straßenbeleuchtung. In einer nicht sehr fernen Zukunft werden Computer und Netz eine öffentliche Ressource sein.
Und was wird aus uns, den Kulturkonsumenten, den früheren Büchermenschen? Die Bücherregale leeren sich, die Welttextmasse fließt in E-Books und Digitalisate. CDs und DVDs desintegrieren. Die Dinge, diese Symbole des Weltlichen, verschwinden. Zurück bleibt der Geist (und Google und Apple und Amazon) – Kultur in Reinform, möchte man meinen. Macht uns die Digitalisierung nun alle zu Philosophen, zu stolzen Nichtbesitzern, die in leeren Zimmern klarer sehen? (bsc)