"Eine Steckdose, die Menschenleben rettet"
Der Berliner Arzt Florian Steiner ĂĽber Stromversorgungsprobleme in der Dritten Welt.
- Jens Lubbadeh
Der Berliner Arzt Florian Steiner ĂĽber Stromversorgungsprobleme in der Dritten Welt.
Steiner ist Arzt am Tropeninstitut der Charité in Berlin. Er hat im Albert-Schweitzer-Hospital in Lambaréné, Gabun, und in Ruanda gearbeitet.
Technology Review: Herr Steiner, warum haben Sie mit Handys ein Problem?
Florian Steiner: In Afrika leben eine Milliarde Menschen, 700 Millionen haben ein Handy. Das ist gut, weil die Leute dadurch erreichbar werden. Aber die Geräte müssen irgendwann aufgeladen werden. Und es gibt zu wenige Steckdosen. Das führt dazu, dass Leute sich auf jede Steckdose stürzen, um ihr Handy aufzuladen. Dafür stöpseln sie sogar Kühlschränke in Krankenhäusern aus.
TR: Ist das so schlimm?
Steiner: Das ist sehr schlimm, weil wir darin Blut, Urinproben, Medikamente und Impfstoffe lagern. Die gehen oft kaputt, weil die Kühlkette bei vielen Präparaten nicht unterbrochen werden darf – sonst wirken sie weniger oder möglicherweise gar nicht mehr. Bakterien können sich in ungekühlten Blutprodukten vermehren, Urinproben zeigen falsch positive Ergebnisse an und, und, und.
Das Schlimme: Man weiß nie mit Sicherheit, ob jemand den Kühlschrank abgestöpselt und die Kühlkette unterbrochen hat. Im Zweifel impft man also mit wirkungslosem Impfstoff, und der Patient ist nicht geschützt. Dieses Problem besteht in vielen Ländern Afrikas, insbesondere in kleinen Krankenhäusern in ländlichen Regionen, wo die Kühlschränke nicht kontrolliert werden.
TR: Warum stöpseln Sie nicht einfach Verteilerdosen an?
Steiner: Das wird gemacht, es bringt aber häufig nichts. Der Bedarf ist so hoch, dass innerhalb kürzester Zeit alle Steckdosen belegt sind und die Kühlschränke trotzdem abgestöpselt werden. Oder die Leute nehmen gleich die Steckdosenleisten mit nach Hause.
TR: Vielleicht könnte man die Kühlschränke an der Wand befestigen?
Steiner: Auch das wurde schon versucht, ist aber zu teuer und zu kompliziert. Die Lösung muss einfach und billig sein: Man bräuchte eine Verteilerbox, die sich mit einem einfachen Klickmechanismus verkapseln lässt. Der Kühlschrankstecker wäre darin fest umschlossen.
Die Leute könnten die übrigen Steckdosen an der Oberfläche der Box nutzen, um ihre Handys aufzuladen.Sollte aber einer auf die Idee kommen, die Box aufzubrechen, um den Kühlschrankstecker abzustöpseln, ginge der gesamte Verteiler kaputt, und niemand hätte etwas gewonnen. Das würde jeder sofort begreifen. Zudem könnte der Arzt wenigstens sehen, dass die Kühlkette unterbrochen wurde.
TR: Und so eine Verteilerbox gibt es nicht?
Steiner: Nicht dass ich wüsste. Leider habe ich keine Zeit, so etwas selbst zu entwerfen. Daher wären ich und viele meiner Kollegen sehr dankbar, wenn sich jemand dieses Problems annehmen würde. Mit solch einer Steckdose könnte man die medizinische Versorgung verbessern und vermutlich viele Menschenleben retten. (jlu)