Grüner Realitätsschock
Ein von der deutschen Regierung mitfinanzierter Bericht eines japanischen Instituts über die Zukunft der erneuerbaren Energieformen hat eine Botschaft: Die Realität "grüner" Energie ist dem politischen Diskurs enteilt.
- Martin Kölling
Ein von der deutschen Regierung mitfinanzierter Bericht eines japanischen Instituts über die Zukunft der erneuerbaren Energieformen hat eine Botschaft: Die Realität "grüner" Energie ist dem politischen Diskurs enteilt.
Eric Martinot hat schon viel überlebt. Er hat zum Beispiel drei Jahre in Chinas extrem verschmutzter Hauptstadt Beijing überstanden. Nun wohnt er am Berg Takao im Westen Tokios und genießt es, frische Luft zu atmen anstatt im Feinstaubsmog Chinas um Atem zu ringen. Und so konnte der Klimaexperte am Mittwoch vor ein paar Journalisten in Tokio den Inhalt des Zukunftsberichts Erneuerbare Energien vorstellen, ohne dabei kurzatmig zu werden. Und der "REN21 Renewables – Global Futures Report 2013", der von der deutschen Regierung mitfinanziert wurde, hat es in sich (Download hier).
Weltweit 150 Experten aus Industrie, Finanzindustrie, Politik, Wissenschaft und Medien hat Martinot seit 2011 gefragt, wie sie sich die Zukunft der Erneuerbaren vorstellen. Er hat die vorhandenen Szenarien ausgewertet und verglichen, von konservativen Berechnungen der Ölkonzerne bis zu aggressiven von Greenpeace.
Seine Kernaussage: Die Zukunft erneuerbarer Energien sieht weit besser aus als die Öffentlichkeit es wahrhaben will. "Das Denken und die Wahrnehmung der meisten Menschen und Politiker hinkt weit hinter der Realität her, weil die Entwicklung der erneuerbaren Energien so rasant verlaufen ist", sagt Martinot, Forschungsdirektor am japanischen Institut für nachhaltige Energiepolitik (ISEP).
Schon 2011 wurden global 260 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert, mehr als in Atomkraft und konventionelle Kraftwerke zusammen. Und Investoren, mit denen Martinot unter anderem für den Report gesprochen hat, glauben, dass die Investitionen bis 2020 auf jährlich 540 Milliarden Euro anschwellen könnten. Doch dafür müssten andere Investoren als bisher mit einsteigen: Pensionsfonds, staatliche Investmentfonds und so weiter. Martinot zweifelt nicht daran, dass es so kommen wird. Denn schon jetzt würden Investoren Geldanlagen in alternative Energien wie Investitionen in normale Industrien ansehen.
Einige seiner Befunde waren für mich besonders interessant – und für Japan ernüchternd. Bei der Diskussion alternativer Energien wäre Japan auf einem Stand von Europa und USA vor 20 Jahren, sagte er. Noch immer werden alle möglichen technischen und wirtschaftlichen Gegenargumente betont, anstatt zu handeln.
Bei den Investitionen spielt Japan daher keine führende Rolle mehr, obwohl das Land nach der Atomkatastrophe dringend Alternativen bräuchte. Inzwischen droht Japan sogar in vielen Technologiesparten von China abgehängt zu werden, das sich ganz klar das Ziel gesetzt hat, zu einer Weltmacht bei erneuerbaren Energieformen zu werden. Beim Wind hat sich China bereits innerhalb einer halben Dekade von nahezu Null an die Weltspitze investiert, ebenso in der Solarthermie.
Sonnenstrom wiederum lohnt sich vielerorts schon – oder bald – ohne Subventionen. Nur nicht in Japan. Er habe noch keine Erklärung dafür gefunden, warum Solaranlagen in Japan so viel teurer als anderswo seien, sagt Martinot. Meine persönliche Vermutung: Das japanische Industriekartell hält nach guter alter Manier daheim die Preise hoch, um so subventioniert von den heimischen Kunden im Ausland mitbieten zu können – und dennoch etwas Gewinn zu machen.
Darüber hinaus habe die Atomstromlobby in Japan dafür gesorgt, dass das Land neben Mexiko das einzige OECD-Land sei, das seinen Stromsektor noch nicht weitgehend liberalisiert habe, so Martinot. Selbst beim neuen Energieeinspeisegesetz könnten die Stromkonzerne den Kauf von Sonnen- und Windstrom mit der Begründung ablehnen, dass das Netz nicht stark genug sei. Und eine unabhängige Stelle, die die Angaben der Stromkonzerne überprüfen würde, gibt es nicht.
Und Techniken, auf die Japan besonders setzt, werden womöglich eine geringere Rolle spielen als den japanischen Konzernen recht ist. Riesige Batterieparks oder kleine häusliche Batterien zum Zwischenspeichern von schwankendem Sonnen- und Windstrom könnten weit weniger wichtig werden, als viele Menschen, Politiker, Beamte und Unternehmer denken – elektrische Autos vielleicht einmal ausgenommen.
Außerdem wird es zu einer Diversifizierung und Spezialisierung von Energiequellen kommen, je nach Anforderungen, meint Martinot. So wird Öl für Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge noch auf Jahrzehnte Treibstoff der Wahl sein. Doch auch in der entscheidenden Frage kippt die Stimmung zugunsten der "grünen" Energien. Er habe erwartet, dass es mehr konservative Szenarien über den Anteil alternativer Energiequellen gebe. "Aber ich war überrascht, dass sich viele bereits in der Mitte bewegen. Selbst die internationale Energieagentur hält bis 2050 einen Anteil von 40 Prozent für möglich," so Martinot. Seine Schlussfolgerung: "Moderate Szenarien sind akzeptiert, die Frage scheint nun noch, ob wir mehr schaffen können."
Der Stich in diesem Spiel ist das Erdgas, das mit neuen Fördertechniken aus Schiefergesteinsschichten im Erdinneren gewonnen werden kann. Vor fünf Jahren hatte noch niemand davon gehört. Nun herrscht überall auf dem Globus Euphorie, dass es viel mehr Gas gebe als ursprünglich angenommen. Experten in den USA und China glauben, dass das Schiefergas sogar so billig wird, dass es die Kostenrechnung der erneuerbaren Energien über den Haufen werfen könnte. Martinot meint allerdings, dass sich einige der hochfliegenden Träume womöglich nicht erfüllen werden. "Es könnte sogar sein, dass sich Schiefergas und alternative Energie sehr gut ergänzen und alle anderen Energieträger verdrängen", meint der Experte. (bsc)